Die SPD kann 100 Prozent

Die SPD kann 100 Prozent

Auf dem außerordentlichen Parteitag der SPD am Sonntag in Berlin erzielte der neue Parteivorsitzende ein ungewöhnliches Ergebnis. Martin Schulz wurde mit 100 Prozent der Stimmen gewählt. So viel Zustimmung gab es nicht mal für Kandidaten im früheren Ostblock. Den Machthabern wäre das auch gefährlich vorgekommen, das Wahlergebnis so massiv zu manipulieren.

Nun ist das Stimmergebnis für Schulz jedoch zweifelsfrei ein Ausdruck absoluter Zustimmung. Es ist zudem das beste Wahlergebnis in der SPD seit Kriegsende. Im Grunde könnte man sich als Genossen darüber freuen. Nun bin ich aber leider mit einer angeborenen Skepsis ausgestattet. Wenn alle in eine Richtung schwimmen, neige ich dazu, gegen den Strom unterwegs zu sein. Oder bevorzugt abwartend in der Uferböschung zu sitzen.

SPD auf dem Weg zum Wahlsieg
moerschy / Pixabay

Martin Schulz kassierte viele Vorschusslorbeeren. Aus welchem Holz er wirklich geschnitzt ist, wird sich noch zeigen. Gerade der viele Jubel und die nahezu grenzenlose Begeisterung wirken für mich wie ein rotes Tuch — der Schritt zu einem kommunistischen Personenkult ist nicht mehr sehr weit. Möglicherweise, und es ist für ein Mitglied der SPD schon eine merkwürdige Aussage, kann ich daher mehr denn je mit der strikten Zurückhaltung von Bundeskanzlerin Angela Merkel etwas anfangen. Ihr Auftritt bei US-amerikanischen Präsidenten Trump zeigte mir wieder, welche Stärken diese Frau zu bieten hat.

Die SPD und der Personenkult

Sprüche wie „Jetzt ist Schulz“ fallen mir auf die Nerven. Sicher, es freut mich, dass es der SPD wieder besser geht. Immerhin ist es auch meine Partei. Drei Wochen vor Ostern erinnert das Phänomen Schulz an die Auferstehung. Die Sozialdemokraten sehen zum ersten Mal nach Monaten einen Hoffnungsschimmer und dürfen sich zu recht eine Chance ausrechnen, diesmal die Bundestagswahl zu gewinnen. Was aber dann?

Wenn Martin Schulz tatsächlich im Herbst Bundeskanzler werden sollte, wird ein enormer Hoffnungsdruck auf ihm lasten. Ganz ähnlich im Übrigen wie auf Gerhard Schröder, der 1998 Helmut Kohl (CDU) ablöst. Hier kann ich mich noch selber ganz gut dran erinnern, wie auch ich das Team Schröder und Joschka Fischer bei einem Auftritt in Bielefeld bejubelte. Was dann draus wurde, ist hinlänglich bekannt. Sachzwänge fressen Ideale auf.

Blick in die Glaskugel

Nun sollte man erstmal positive in die Zukunft blicken — auch um der eigenen Gesundheit willen. Die SPD ist im Aufwind, die Menschen im Land scheinen wieder Vertrauen zu ihr zu fassen. Ein guter Auftakt für den kommenden Wahlkampf. Auch mir fällt ein Stein vom Herzen, denn eine SPD mit Gabriel an der Spitze wäre für mich unwählbar gewesen. In den kommenden Monaten wird viel davon abhängen, ob der frische Wind, den Schulz mit sich trägt, anhalten wird. Dieser Wind stärkt der Partei den Rücken, aber wehe, er lässt nach.

Blick ich nach vorne, sehe ich drei Möglichkeiten. Optimistisch würde Schulz ein hervorragender Bundeskanzler werden und das Land wieder auf einen Kurs links der Mitte steuern. Wahrscheinlicher erscheinen mir jedoch zwei Szenarien.

Martin Schulz wird wieder ein Bundeskanzler, den die Realität des politischen Tagesgeschäftes einholen wird. Die 100 Prozent Zustimmung bei Parteitag — die maximale Fallhöhe, ähnlich wie im antiken Drama. Nach vier Jahren Amtszeit sieht die Zustimmung in der SPD für ihn genau wie bei den Wählerinnen und Wählern in Deutschland ernüchternd anders aus. Trotzdem waren es vier Jahren, die auch Gutes brachten.

Martin Schulz und die Sozialdemokraten gelingt es nicht, eine Mehrheit bei der Bundestagswahl zu erzielen. Die bisherige Bundeskanzlerin Angela Merkel bleibt im Amt. Für die SPD wäre das ein herber Schlag. Möglicherweise einer, von dem sie sich dann nicht mehr erholen wird. „Wer, wenn nicht er?“ wird man sich fragen. Und keine Antwort finden. Vielleicht aber führt diese totale Desillusion zu einer ernsthaften und substanzhaltigen Rückbesinnung. Wer dann noch Parteimitglied ist oder wird, gehört auf jeden Fall nicht zu den Jubelpersern.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren