Mutige Schnecken

Ob Schnecken wirklich mutig sind, lässt sich schwer beurteilen. Zumindest ich könnte nichts in dieser Hinsicht über sie sagen, denn bei meiner letzten Begegnung mit Schnecken waren diese bereits gekocht. Also hätte ich sie selbst wenn sie des Sprechens mächtig gewesen wären, nicht fragen können. Und ob sie heldenhaften Widerstand gegen das gekocht werden leisteten, ist nicht überliefert worden.

Was ich aber mutig finde, ist meine Neugier. Um Schnecken habe ich bisher einen Bogen gemacht. Sowohl beim wandern, um nicht drauf zu treten als auch in kulinarischer Hinsicht. Irgendwie schleimig war in meinem Gehirn abgespeichert, ohne das ich jemals Schnecken gegessen hätte. Bei uns früher zu Hause waren Schnecken als Gericht auch unbekannt, später gab es für mich auch nie ein Grund, welche selber zuzubereiten — auch nicht die tiefgekühlten bereits mit Kräuterbutter beschmierten Exemplare.

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Was macht man aber, wenn in geselliger Runde ein waschechter Franzose einen Top mit wirklich frischen Seeschnecken auf den Tisch stellt? Für mich hat Essen immer auch einen gesellig Aspekt. Wenn also alle anderen mehr oder weniger beherzt zugreifen (es gab auch skeptische Blicke, aber die Neugier überwog insgesamt), dann mache ich das auch.

Kurzer Exkurs: ich bin, was Essen angeht, grundsätzlich allen Dingen gegenüber aufgeschlossen, obgleich es auch Dinge gibt, die ich nicht probieren würde. Entweder weil sie mir noch aus Kindertagen leidvoll in Erinnerung geblieben sind (das deckt den gesamten Bereich der Innereien ab) oder aber, weil ich es schlichtweg für ekelhaft halte. Heuschrecken, Würmer und ähnliches können andere gerne essen, ich passe bei so was dann. Möglicherweise würde ich dann den Tisch auch vorzeitig verlassen.

Seeschnecken sehen zubereitet in ihrem Haus aber nicht ekelig, sondern interessant aus. Also probierte ich mutig. Sogar eine zweite Seeschnecke. Hat nicht allerdings nicht überzeugt, wenn ich ehrlich bin. Zum Glück gab es noch einen zweiten Top, in denen sich Cigalas befanden. Die sehen zwar nicht ganz so nett aus und schauen einen auch mit ihren toten schwarzen Augen noch an, schmecken mir persönlich aber deutlich besser. Und ich bekomme sie auch runter, ohne sie in Knoblauchsauce zu ertränken.

Kennengelernt habe ich gestern Abend aber nicht nur neue Meeresbewohner, sondern auch einen wirklich guten Champagner mit „Zero Dosage“ (der Restzuckergehalt liegt hier bei weniger als drei Gramm pro Liter). Ganz ehrlich, ein guter Champagner verdirbt einen noch mehr als guter Wein. Man kann sich nicht mehr im entferntesten vorstellen, jemals wieder mit der billigen Plörre vom Discounter Glück zu werden.

Am Ende des Abends, der schon ein neuer Morgen war stand dann für mich fest: Essen ist Lebensfreude. Und es gibt Länder, wo das stärker zelebriert wird als an manchen deutschen Tischen.

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