WordPress am Ende?

Vladimir drüben bei perun.net stellte sich diese Woche die Frage, ob WordPress seinen Zenit überschritten hat. Zugegeben auch für mich als alten Hasen eine interessante Frage. Nicht nur. weil seit über 14 Jahren dieser Blog hier mit WordPress betreiben wird, sondern auch, weil ich eine berufliche Meinung zum Thema habe.

Aufgabe einer Website

In der Agentur setzen wird WordPress ein — aber auch TYPO3. Zudem greifen wir zu anderen Lösungen, wenn es sich anbietet. Es gibt meiner Meinung nach nicht das eine, perfekte CMS für alles. Insofern kann ich Vladimir und vielen anderen, die ihre Meinung in den Kommentaren zum Ausdruck brachten, zustimmen. WordPress ist eine Option unter vielen.
Im Vordergrund steht immer der Kunde und seine Bedürfnisse. Beratung ist mehr denn je das Wichtigste im Geschäft, weniger die Frage, wie genau die technische Umsetzung aussieht. In den aller meisten Fällen (zumindest bei der Vielzahl der von mir betreuten Projekte) ist es dem Kunden herzlich egal, womit seine Website betrieben wird. Sie muss laufen und nach Möglichkeit schick aussehen. Und ganz eigentlich muss eine Website im dem Sinne funktionieren, dass sie dem Kunden bei seinem Geschäft unterstützt. Niemals ist sie Selbstzweck.

WordPress — noch keine Ende in Sicht
dawnfu / Pixabay

Wir alle sollten uns das grundsätzlich immer vor Augen halten. Was der Kunde will und was er wirklich braucht — auch das wäre ein spannendes Thema.

Die Veränderung von WordPress

Bleiben wir aber bei WordPress und der Frage, ob das System seinen Zenit überschritten hat. Meiner persönlichen Meinung nach ist WordPress alles andere als kompliziert. Sicher, es hat sich verändert, ist moderner geworden. Trotzdem erschlägt es nicht mit Möglichkeiten. Wer anderer anderen Meinung ist, dem kann ich zum Vergleich gerne mal in einer persönlichen Schulung TYPO3 zeigen. Denn TYPO3 ist definitiv nicht nur komplizierter, sondern auch deutlich unhandlicher für meinen Geschmack geworden. Wenn WordPress ein großer unbeweglicher Tanker geworden sein soll, ist TYPO3 mindestens ein Todesstern. Wenn Vladimir schreibt, dass „Themes 15+ MB groß sind und über mehrere Hundert Dateien verfügen“ muss man sich fragen, ob dies wirklich die Schuld von WordPress ist. Oder eher der Entwicklung des Marktes geschuldet ist, der immer mehr und verrückter Anforderungen hat. Noch mal zum auswendig lernen: die meisten Themes in freier Wildbahn werden für, nicht von WordPress entwickelt.
Für mich haben sich nur wenige Details in WordPress wirklich verändert. Im Grunde ist es immer noch das charmante Blogsystem von früher.

Blog oder Content Management System

Ist WordPress ein CMS oder nicht — oder sogar eine Framework? Stellen wir uns mal ganz dumm und zeigen auf das offensichtliche. Wir haben hier eine Reihe von PHP-Skripten, Javascript, CSS und HTML sowie eine Anbindung an eine Datenbank. Was man damit letztendlich mach, bleibt im Grunde der eigenen Fantasie überlassen. Man möge mir glauben, dass ich schon schlimme Auswüchse dieser Freiheit gesehen habe. Sobald keine statischen Seiten mehr auf dem Server vorliegen, sondern Inhalte getrennt vom Design über einen Editor erstellt werden, handelt es sich zumindest meiner Meinung nach um ein CMS.

 Für jeden Topf den passenden Deckel

Der Zweck heiligt eben nicht die Mittel, sondern der Zweck bestimmt die Wahl der Mittel. Das eine ganze Reihe von sogenannten Agenturen nicht mit WordPress umgehen können und Kundenprojekte regelrecht vor die Wand fahren, liegt nicht an WordPress. Sondern an den Agenturen, die teilweise Person ohne Grundlegen Kenntnisse Webprojekte aufsetzen lassen. Bei Themes und Plugins ist weniger mehr. Wenn das Projekt nur umsetzbar ist, wenn eine riesige Anzahl von Plugins installiert wird, wäre ein anderes System mit Sicherheit besser. Jedes CMS hat seine Stärken und Schwächen. Zudem ist es ein Zeichen von Stärke, wenn man beim ausloten der Projektanforderung an die eigenen (Agentur-)Grenzen stößt und das entsprechend kommuniziert. Im Sinne des Kunden ist es manchmal auch geboten, eine andern Agentur zum empfehlen, die besser die Bedürfnisse des Kunden realisieren kann. Den Absatz „Problemfeld WordPress-Agenturen und -Dienstleister“ bei Vladimir kann ich 100 prozentig zustimmen.

Statisches HTML ist ein Rückschritt

Völlig anderer Meinung bin ich jedoch in Hinblick auf statisches HTML. Wir schreiben das Jahr 2017, die 90er Jahre liegen längst hinter uns. Eine Website auf der Basis von statischem HTML ist aus meiner Sicht ein erheblicher Rückschritt. Keine seriöse Kundenberatung sollte so etwas empfehlen. Natürlich sehe ich die zunehmende Preissensibilität bei Kunden. Viel bekommen und wenig ausgeben — wir alle kennen das aus zahlreichen Gesprächen und Verhandlungen. Hier hilft nur Aufklärungen und Transparenz.
Für mich bedeutet Transparenz immer auch, bei einer Kalkulation klar zu machen, wie die Preise zustande kommen und an welchen Stellen gespart werden kann. Dabei muss selbstverständlich auch verdeutlicht werden, welche langfristigen Konsequenzen Einsparungen haben. Eine maßgefertigtes Design mit TYPO3 als CMS ist selbstverständlich teurer, als wenn ich einen Onepager mit Divi erstelle.

Overkill aus der Kostenlos-Kiste

WordPress hat nicht seinen Zenit überschritten. Bedenklich ist aber, wie mit dem CMS umgegangen wird. Ob zuerst die Henne und dann das Ei da war oder umgekehrt, beziehungsweise ob der Kunden mit seinen Anforderungen die Schuld trägt oder die umsetzende Agentur, ist unerheblich. Was ich genauso wie Vladimir sehe, sind schlampig umgesetzte Projekte. Quasi aus der Grabelkiste wurden Plugins installiert, teilweise sogar mehre für eine identische Funktion. So brachte bei einem Projekt, welches wird übernahmen, das Theme einen Saldier mit und zusätzlich wurden zwei weitere Slider Plugins installiert. Auch Plugins, die überhaupt noch nicht für die Live-Verwendung freigegeben wurden, fand ich in einigen Installationen (ehrlich VersionPress ist klasse, hat aber bei einem Kundenprojekt noch nichts zu suchen).

Blick in die Zukunft

Im Sinne des Kunden und als eine Art Qualitätsoffensive halte ich für meinen Teil eine Zertifizierung für geboten. Klar kann jeder in den berühmten fünf Minuten WordPress installieren. Besser wäre es für Kunden, wenn die weiteren Schritte von jemanden übernommen werden, der sich wirklich auskennt und das auch nachweisen kann. Würden dann nur noch Agenturen zum Zug kommen, die über diesen Nachweis verfügen, wäre das möglicherweise Anlass für eine notwendig Marktbereinigung.

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