Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Als Redakteur einer Zeitung sollte man nicht der Verkaufsstrategie eines lokalen Händlers auf den Leim gehen.

Fingernägel stärken

Gummibärchen als Beipackartikel. Ob es eine gezielte Verkaufsstrategie bei einigen Online-Händler ist, lässt sich schwer sagen. Ich für meinen Teil mich auf jeden Fall jedes Mal, wenn meiner Bestellung eine kleine Tüte mit Gummibärchen beiliegt — die aus Bonn, versteht sich. Über die Inhaltsstoffe sprechen wir hier lieber nicht, wahrscheinlich wäre es gesünder, das Verpackungsmaterial zu essen. Sei es drum, ich ess die Dinger trotzdem. Normalerweise haben die Gummibären keinen Bezug zur eigentlichen Bestellung. Zumindest bis gestern.

Auf etsy bestellte ich mir für Starship Captains ein Upgrade. Die Spielerraumschiffe als 3d-Druck. Die Frage, warum, ist hier mehr als berechtigt. Erstens, weil es vom Verlag eine kostenlose Datei für den 3D-Druck gibt. Und zweitens, weil ich selber einen 3D-Drucker habe. Nun, für die vier Raumschiffe hätte ich extra passendes Filament kaufen müssen. Vier verschiedene Farben, die kleinste Bestellmenge liegt bei 250 g pro Rolle zu jeweils ca. 9 Euro. Angebrochene Rollen halten nicht ewig und derzeit gibt es eher Druckprojekte, die besser in Schwarz sind (Berge für den Ringkrieg etwa).

Jedenfalls, die Entfernung der Schutzfolie bei den Plexiglasständern der gelieferten Raumschiffe erfordert starke Fingernägel. Und Gummibärchen sollen ja gut für die Fingernägel sein.

Regalarmut als Verkaufsstrategie

Komme wir aber zu einer anderen Art der Verkaufsstrategie. Leere Regale in Supermärkten als Beweis dafür, wie sehr man sich für seine Kunden und günstige Preise in Zeug legt. Wobei das keine Verkaufsstrategie ist, sondern der Versuch, ein Märchen glaubhaft zu erzählen.

Aber der Reihe nach. Beim Lesen der Emder Zeitung heute Morgen gab es für mich mal wieder Anlass zum Ärgern. Manchmal würde ich den Redakteuren dort etwas mehr sprachliches Feingefühl wünschen. Im Artikel „Leere Regale verursachen Bauchschmerzen“ findet sich zum Beispiel folgende, für mich befremdliche Formulierung:

Dort gähnt dem verwöhnten Kunden eine große Leere entgegen.

Was soll das Adjektiv „verwöhnt“ an dieser Stelle? In meinen Augen ist das eine Herabsetzung. Kunden sind nicht verwöhnt, sondern sie tauschen Geld gegen eine Ware. Aber es geht noch weiter im Artikel:

Es geht ihm mehr um das Selbstverständnis des Einzelhändlers, der dem Kunden möglichst alles bieten möchte, was er braucht – oder auch, was er nicht braucht.

Was ich brauche oder nicht, entscheide ich selber. Nicht der Händler und auch nicht ein Redakteur der Emder Zeitung. Etwa mehr Respekt wäre angebracht gewesen.

Angebracht wäre aber auch eine sorgfältige Recherche und möglicherweise das Hinterfragen der Verkaufsstrategie „leere Regale“.

Steigende Lebensmittelpreise

Wir alle haben in den letzten Monaten die steigenden Lebensmittelpreise mitbekommen. Es wäre aber zu einfach, die Ursache dafür allein auf Krise, Krieg und die Gewinnsucht der Lebensmittelkonzerne zu schieben. Merkwürdige Weise steigen die Lebensmittelpreise nämlich deutlich höher als die Inflation. Daran verdienen nicht nur die Hersteller, sondern auch die Händler, wie die Süddeutsche Zeitung vor ein paar Tagen ausführlich im Artikel „Wer soll das noch bezahlen“ berichtete.

Man muss sich das Beispiel von den polnischen Gänsen im Text auf der Zunge zergehen lassen. Bei Edeka plötzlich doppelt so teuer, obwohl die Ware selber aus dem Vorjahr stammt und seit dem gelagert wurde.

Bezüglich des angeblichen Preiskampfs der Händler gegen Mars gibt es die Aussage von Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg. Es sei reine Imagepflege und entspräche nicht der Realität.

Mit anderen Worten, die leeren Regale sind reine Verkaufsstrategie. Der Händler ist nicht der beste Kumpel des Kunden, sondern jemand, der gewinnorientiert arbeitet — um jeden Preis.

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