Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Ein offener Brief ist keine angemessene Reaktion auf einen möglicherweise eskalierenden Krieg. Lösungsvorschläge wären dagegen hilfreich.

Angst als Motor

Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Angst halte ich nicht immer für einen guten Ratgeber. Nimmt die Angst Überhand, führte sie zur Lähmung. Rationale Entscheidungen sind dann nicht mehr möglich. Selbstverständlich habe auch ich Angst vor einem Atomkrieg — mehr denn je. Diese Angst darf aber nicht dazu führen, Kriegsverbrechern wie dem russischen Präsidenten Putin alles durchgehen zu lassen.

Wie sich Angst auswirken kann, dafür habe ich aus einem anderen Bereich ein Beispiel aus meiner persönlichen Erfahrung. Mehr als zwei Drittel der Zeit, die ich in Köln lebte, bin ich nicht mit dem Fahrrad gefahren. Zu groß ist die Angst nach den ersten Jahren in der Domstadt geworden, in einen Unfall verwickelt zu werden. Mich hat die Angst vor einem Fahrradunfall total gelähmt und meinen Bewegungsradius eingeschränkt. Wie sehr das Fahrradfahren gefehlt hat, merke ich jetzt hier in Ostfriesland, wo ich endlich wieder fahre.

Verglichen mit dem Krieg in der Ukraine und der möglichen Gefahr eines Flächenbrands ist das ein schlechtes Beispiel. Es soll jedoch zeigen, wie Angst auch schon im Kleinen unser Handeln beziehungsweise Nicht-Handeln bestimmen kann.

Kommen wir aber zu dem, was 28 „Intellektuelle“ und KünstlerInnen an Olaf Scholz geschrieben haben. Ein offener Brief, der tief blicken lässt.

Trauriger offener Brief

Ein offener Brief ist etwas anderes als ein Gespräch unter vier Augen. Ganz bewusst steht ein offener Brief im Rampenlicht der Öffentlichkeit. Selbst die besten Absichten können nicht verhindern, dass ein offener Brief nicht nur der eigenen Positionierung in einer Sache dient, sondern die eigene vermeintliche moralische Überlegenheit zeigt. Genau das ist das Traurige an der Sache.

Betrachten wir den Krieg in der Ukraine, dann gibt es einen eindeutig identifizierbaren Aggressor. Russland hat seit Beginn des Konflikts unzählige Kriegsverbrechen begannen, Menschen ermordet, Infrastruktur und kulturelle Güter zerstört. Beim lesen des offene Briefs von Alice Schwarzer und 27 weiteren Prominenten wird mir nicht klar, wie eine konkrete Lösung aussehen kann. Man warnt (möglicherweise zurecht) vor einer Eskalation des Konflikts. Was aber ist die Alternative?

Ein Appell, ein offener Brief an Putin vor Beginn des Krieges wäre vielleicht wirksamer gewesen. Oder auch nicht. Die Gespräche und Verhandlungen jedenfalls brachten nichts. Reihenweise wurde europäische Politiker getäuscht und belogen, ihre Bemühungen um eine friedliche Lösung ergebnislos. Was soll also die deutsche Bundesregierung jetzt noch machen?

Verhandeln um jeden Preis?

Verhandeln ist derzeit aus meiner Sicht keine Option. Abwarten und Däumchen drehen bietet sich aus moralischen Gründen nicht an. Die Lieferung weiterer, auch schwerer Waffen zu Selbstverteidigung an die Ukraine scheint mir daher die derzeit einzige Option zu sein. Zumal wirtschaftliche Sanktionen bisher wenig Eindruck in Russland hinterließen.

In einem Interview äußert sich die Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann sehr deutlich:

Wo sollen ›Kompromisse‹ sein, wenn Putin völkerrechtswidrig ein freies europäisches Land überfällt, Städte dem Erdboden gleichgemacht, Zivilisten ermordet werden und Vergewaltigung systematisch als Waffe gegen Frauen eingesetzt wird?

Man kann nicht wie die Unterzeichner des offenen Briefs einfach eine Grenzlinie ziehen und mehr oder weniger von der ukrainischen Bevölkerung verlangen, sie möge doch die Waffen niederlegen, bevor der Krieg noch mehr Menschenleben koste. So was ist zynisch.

Im Übrigen: Am 6. Juni 1944 starben am sogenannten D-Day 4.400 US-Amerikaner, Briten, Kanadier, Polen und Franzosen am Strand in der Normandie. Ein offener Brief an Hitler hätten diesen nicht gestoppt. Die Soldaten starben für den Frieden, so bitter sich das auch anhören mag.

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