Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Im größeren Teil der Bevölkerung ist man als Vegetarier nach wie vor gut für einen herablassenden Witz. Immerhin besser als andere Missverständnisse.

Standpunkt zur Abtreibung

Direkt am Anfang eine Richtigstellung. Die Überschrift des Artikels dient einfach dazu, reißerisch nach Aufmerksamkeit zu heischen. Pauschal würde ich Vegetarier:innen eben sowenig wie Veganer:innen unterstellen, sie würde aufgrund ihrer Ernährungsweise grundsätzlich für (oder gegen) Abtreibung sein.

Des Weiteren möchte ich meine Position in Bezug auf Abtreibung klarstellen. Erstens, ich befürworte Abtreibung. Zweitens, ich halte es für ein Grundrecht der Frauen, darüber selber zu entscheiden. Wir Männer haben hier vor allem eines, nämlich die Klappe zu halten. In Bezug auf das Thema sind gut 50 Prozent der Bevölkerung deutlich qualifizierter.

Was die katholische Kirche angeht, lassen wir die mal ganz außen vor. Eine aus der Zeit gefallen Institution mit einem rückwärts gewandeten Verständnis über die Rolle von Mann und Frau und zweifelhaften Ansichten über Sexualität, bei der sich auch noch Anspruch und eigenes Handel unterscheiden, hat einfach zu schweigen.

Meinen Standpunkt habe ich hiermit in aller Kürze hoffentlich verdeutlicht. Was Ernährung angeht, wird es etwas schwieriger. Vegetarier:innen halte ich nicht für bessere Menschen. Allerdings für Menschen, die einen anderen, möglicherweise besseren Weg der Ernährung eingeschlagen haben. Der springende Punkt bei den meisten von ihnen: Sie habe sich intensiv mit dem Thema Ernährung auseinandergesetzt und eine bewusste Entscheidung getroffen. Für den überwiegenden Teil der Bevölkerung trifft das eher weniger zu.

Pauschalurteile gegen Vegetarier

Biografisch gesehen sollte ich erwähnen, dass ich ebenfalls mal Vegetarier war. Warum ich das nicht mehr bin und warum es eine deutliche Entwicklung in Richtung weniger Fleisch bei mir gibt, ist ein anderes Thema. Zu 100 Prozent werde ich vermutlich nie wieder Vegetarier werden. Ich mag den Geschmack und die Konsistenz von Fleisch. Allerdings achte ich mehr denn je darauf, woher das Fleisch kommt. Mit Tierquälerei erkauftes Billigfleisch kommt bei uns zu Hause nicht auf den Tisch. Lieber kein Fleisch essen als „schlechtes“ Fleisch essen.

Kommen wir aber zum Eigentlichen. In der Süddeutschen Zeitung von diesem Wochenende gibt es einen Text mit der Überschrift „Wer Tiere liebt, sollte sie essen“ von Dr. Christina Berndt (am Rande erwähnt: Frau Berndt ist in Emden geboren, was sie mir schon allein aufgrund dieses Umstands sympathisch macht).

Ich möchte Frau Berndt keine bösen Absichten unterstellen. Ihren Text habe ich zu Ende gelesen, allerdings mit wachsendem Entsetzen. Im Kern geht es, angelehnt an den britischen Philosophen Nick Zangwill um folgendes. Ohne dass wir Tiere essen, würde es eine ganze Reihe von Tieren und Arten nicht geben. Darüber hinaus würden von den bisherigen, sogenannten Nutztieren, deutlich weniger bis gar keinen mehr benötigt.

Abfolge von Missverständnissen

Was ich diesbezüglich nicht verstehen kann, warum Frau Berndt, immerhin aus Ostfriesland stammend, der Meinung ist, es würde keine Schafe mehr geben, wenn alle Menschen Vegetarier seien. Hier in Ostfriesland erfüllen Schafe eine enorm wichtige Rolle in Bezug auf Deichsicherheit und die Deichpflege.

Man könnte das Ganze als eine Abfolge von Missverständnissen abtun und den Text einfach zur Seite lesen. Meiner Meinung nach begibt sich die Autorin aber auf einen gefährlichen argumentativen Pfad, der weit über Vegatrier und Tiere essen hinausreicht.

Am Ende eines Lebens steht der Tod. Bei Tieren, die wir essen, sollte es zuvor ein glückliches Leben sein. Vom Endpunkt betrachtet, also dem Tod, sollten wir nicht das Vorherige negieren — so die Argumentation. Ein unbedingter Lebenswillen trotz des Todes am Ende führt zu einem Recht auf Leben. „Punktuelles Leid reicht in der Regel nicht aus, um es infrage zu stellen“, so Berndt.

Eigentlich muss man den Artikel selber lesen, um die gesamte Herleitung zu verstehen. Dabei stolperte man möglicherweise über das, was mich so aus der Fassung brachte. Wenn Tiere, die ohne das sie gegessen würde, nicht leben würden, ein Recht auf Leben haben. Was ist dann mit menschlichem ungeborenen Leben.

Die Verabsolutierung des Rechts auf Lebens ohne Einschränkung lässt sich genau so auch auf Abtreibung übertragen.

Recht auf Selbstbestimmung

Wer das Recht auf Leben eines ungeborenen Tieres betont, muss auch das Recht auf Leben eines ungeborenen menschlichen Lebens um jeden Preis befürworten. Damit wird dann das Recht auf Selbstbestimmung (der Frau) in diesem Punkt negiert.

Vegetarier sind, wenn man den Artikel gedanklich weiter spinnt, lebensfeindlich, weil sie das Recht eines ungeborenen Tieres auf Leben negieren. Dabei geht es nicht mal um Abtreibung eines Fötus im Mutterleib der Kuh, sondern setzt noch davor an. Mit anderen Worten, Verhütung tötet Leben, welches aufgrund der Verhütung gar nicht entstehen darf.

Man darf gerostet davon ausgehen, eine bessere Argumentation als die von Frau Berndt für den Fleischkonsum zu finden. Auf der anderen Seite spricht auch vieles dafür, Vegetarier mehr zu Worte kommen zu lassen. Ein Pauschalurteil, und in diese Richtung bewegt sich der Artikel von Frau Berndt leider, hilft da wenig.

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