Vollnarkose als Angstmacher

Vollnarkose als Angstmacher

Eine Vollnarkose wird häufig mit einem tiefen Schlaf verglichen. Das klingt harmloser, als es eigentlich ist. Die Vollnarkose ist genau so ein Eingriff in den Körper wie die eigentliche Operation.

Mein erstes Mal

Am 16. April wurde bei mir alle vier Weisheitszähne entfernt. Wenn man 20 Jahre ist, wäre das unter Umständen eine Operation, bei der man am nächsten Tag wieder lustig herumhüpft. Siebenundzwanzig Jahre später sieht so was ganz anders aus. Ich für meinen Teil war 10 Tage mehr oder weniger schachmatt gesetzt. Etwas geplaudert über die Operation habe ich bereits. Manches wird mir aber erst so langsam klar. Nach wie vor tut mir mein Kiefer weh — erst durch Gespräche im Freundeskreis wurde mir klar, warum. Vermutlich tut der Kiefer nämlich deshalb weh, weil er ausgerenkt wurde, da mit der Arzt besser an die Zähne herankam. Natürlich ist er wieder eingerenkt worden, aber „Spaß“ habe ich trotzdem zur Zeit noch damit. Gespannt bin ich dann, wie zufrieden meine eigentliche Zahnärztin am kommenden Montag mit dem Ergebnis ist.
Eigentlich geht es aber heute gar nicht um die Zähne selber. Sondern um die Op und die damit verbundene Vollnarkose. Wie gesagt, ich bin Angstpatient, so war für mich die Vollnarkose die einzige wirkliche Option — nur dass ich vor der Vollnarkose auch wiederum Angst hatte. Zudem war es meine allererste Vollnarkose und meine allererste Operation überhaupt — habe ich aber auch bereits erwähnt.

Vollnarkose als Angstmacher
ludi / Pixabay

Trauma Vollnarkose

Unter Vollnarkose habe ich nichts mitbekommen von der Op — war auch Sinn der Sache. Das letzte vor der Operation, an das ich mich noch erinnern kann, ist der Spruch der anästhesietechnischen Assistentin: „Wir stellen Ihnen dann mal einen Kasten Kölsch hin.“ So hat das Narkosemittel dann auch gewirkt. Dann setzte meine Wahrnehmung wieder ein, als ich bereits im Aufwachraum war und meine Frau am Bett saß. Wie ich dahin gekommen bin? Keine Ahnung. Etwas gruselig ist das schon.
Viel mehr zu denken gibt mir jedoch die Vollnarkose selber beziehungsweise das, was an sich selber versucht einzureden. Nein, ich hab nichts geträumt während der Narkose. Da war einfach nichts. Es ist auch kein tiefer Schlaf für mich gewesen, sondern einfach nur eine Lücke. Natürlich hatte ich Angst, nicht mehr aus der Narkose aufzuwachen. Genau so aber die Hoffnung, genau das wieder zu tun — was ja auch letztendlich der Fall war. Rational kann einem alles erklärt werden, was mit der Vollnarkose zusammenhängt. Emotional jedoch muss an einfach an das Aufwachen danach glauben. Erst dann lässt man sich drauf ein.

Glaubenssache

Ab hier wird es dann ein wenig theologisch. Hätte ich nicht an das Aufwachen nach der Vollnarkose geglaubt, wären die Weisheitszähne immer noch drin. Es war für mich extrem wichtig. Ganz friedlich konnte ich dann übergehen vom einem Zustand mit aktiven Bewusstsein zu nichts. Wäre ich nicht mehr aufgewacht, hätte ich keine Schmerzen gehabt, nichts gespürt — es wäre einfach nur nichts gewesen. Mein Glaube dran, wieder aufzuwachen hat mit die Angst vor der Narkose genommen.
Für mich ist das ein Stück weit vergleichbar mit der Religion. Der Glaube an etwas kann gegen die eigene Angst helfen. Durch mein Erlebnis im Rahmen der Op ist mir das ziemlich deutlich geworden.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren