Illegal von Köln bis Berlin

Illegal von Köln bis Berlin

„Kein Mensch ist illegal.“ Die meisten werden diesen Spruch wohl kennen. Mich erschreckt es, dass er mir seit gestern Abend ein Stück weit zum Hals raushängt. Schuld daran ist die Lesung im Rahmen der lit.cologne mit „Max Annas“ und seinem Buch „Illegal“.

Für meine Frau hatte ich eigentlich einen kompletten Nachmittag und Abend anlässlich ihres Geburtstages durchgeplant. Ihren Geburtstag zu vergessen ist nahezu unmöglich, ist es doch auch gleichzeitig St. Patrick’s Day — eine andere Geschichte. Da der Veranstaltungsort der Lesung der „Kleine Sendesaal des WDR“ sein sollte, planten wir den Nachmittag drum herum.

Früher frei bekommt man als Lehrerin auch am eigenen Geburtstag nicht, so dass sich meine Frau nach sechs Stunden Unterricht in einem etwas angeschlagen Zustand befand. Die Gelegenheit, durch Soulfood die Nerven wieder zu beruhigen. In unserem Fall folgte daraus daher ein Besuch im „Kleinen Steinhaus“. Da sagt noch mal einer, Steaks wären nur so ein Männerding.

Illegal — auf der Flucht
geralt / Pixabay

Gut gestärkt bummelten wir anschließend noch etwas durch die Schildergasse, bis es uns unweigerlich nach „Manufactum“ verschlug. Dort entdeckte meine Frau statt gut riechendes Parfüm gut riechenden Whiskey, so dass wir einen ihr besonders gut gefallenden schwäbischen Whiskey (ja, richtig gelesen) adoptiert. Danach erfolgte der Transit zum „Kleinen Sendesaal“. Transit kann man hier sich bildlich so vorstellen, wie man das aus der ehemaligen DDR kennt. Den Charme aus dieser Zeit hat sich der WDR bewahrt. Während bei keiner anderen lit.cologne Veranstaltung Jacken und Taschen ein Problem sind, müssen beide an der Garderobe beim WDR abgegeben werde. Aus Sicherheitsgründen, wie es heisst. Dabei finde ich es extrem unbequem, Zünder und Sprengkörper die ganze Zeit in der Hand halten zu müssen.

Scherz beiseite. Bei der „Taschenkontrolle“ gilt nach wie vor, dass manche gleicher sind als andere. Meine Tasche war etwas größer als das erlaubte DIN-A4 Maß, ich durfte sie nicht mit herein nehmen. Mehre Frauen mit Taschen, die erheblich größere als meine waren, saßen aber hinterher im Saal. Ob man hier Männer bewusst diskriminiert?

Rahmenhandlung von Illegal

Wie dem auch sei, bei zunehmen schlechter werdenden Luft ging es im Saal eigentlich um die Lesung. In „Illegal“ geht es um einen Mann aus Ghana, Kodjo, der ohne gültige Papiere in Deutschland lebt und immer wieder versucht, Kontakt mit der Polizei zu vermeiden. Eines Tages beobachtet er aus seinem Fenster zum Hof einen Mord, den er natürlich nicht einfach der Polizei melden kann. Die Anspielung auf „Das Fenster zum Hof“ sind hier in etwa so dezent wie ein Vorschlaghammer.

Bevor ich mich in die weitere Kritik stürze, vielleicht ein kurzer Blick auf das, was meinen Abend rettete: die beiden Gebärdensprachendolmetscher
Verbeugung vor ihrer Leistung und auch der Idee, so was anzubieten. Für mich war es deutlich faszinierender, ihrer Übersetzung zu zusehen als der Stimme des Autors zu lauschen. Retten konnte der Moderator Ulrich Noller die Lesung auch nicht, dafür hörten sich seine Anspielung und Witze zu abgegriffen an.

Sprachliches Versagen

Man sagt, dass ein Buch einen mit den ersten Sätzen packen muss. Der narrative Hook fehlte bei „Illegal“ komplett. Die als erstes vorgelesen Verfolgungsjagd empfand ich als langweilig und sprachlich unausgereift. Reduzierte Sprache, so wie sie der Autor anstrebt kann ja ganz nett sein, aber ein Stilmittel muss auch beherrscht werden. Das die Hauptfigur von Bullen spricht ist völlig in Ordnung. Das Annas das allerdings selber gerne und oft tat, ist despektierlich. Niemand wird leugnen, dass es zu Übergriffen bei Polizeieinsätzen kommt. Die Art und Weise, wie Annas das in den vorgelesenen Kapiteln darstellt, hatte jedoch was hetzerisches.

Wie viel Recherche im Buch „Illegal“ steckt, darüber fehlte eine wirkliche Aussage. Meinem Eindruck nach hätte es jedoch erheblich mehr sein müssen. Die Figur Kodjo wirkt extrem eindimensional, gefährlich nah am Klischee — na klar, jeder Afrikaner zieht sich zur Entspannung erstmal ein paar Bier rein. Sprachlich ist Kodjo kein Mensch aus Ghana, sondern eine deutsche Figur. Den Unterschied kann man ziemlich gut erkennen, wenn man zum Vergleich „Nairobi Heat“ von Mukoma va Ngugi liest.

Fazit

Max Annas sagte, sein „Illegal“ hätte längere Zeit in der Schublade gelegen. Besser, er wäre dort noch immer. Ziemlich schade ist dies jedoch um das eigentliche Thema. Aus „Illegal“ hätte ein großartiger Roman werden können. Die Grundidee selber ist nämlich interessant.

Im Übrigen fand ich den Stand von Amnesty International vor dem Saal etwas deplatziert. Das ganze Thema Zuwanderung kann nicht auf eine pauschale Aussage reduziert werden (siehe Einleitung). Aus diesem Grund hängt mir der Spruch auch einfach zum Halse raus, weil er gestern Abend unreflektiert und einseitig verwendet wurde.

One Reply to “Illegal von Köln bis Berlin”

  1. Ach ja, der Garderobenzwang beim WDR… Ich meide inzwischen Veranstaltungen, die dort stattfinden.

    Man kann sich dem aber entziehen, indem man behauptet, einem wäre so kalt, dass man die Jacke anbehalten wird und dem Türhüter verspricht, die Tasche auf dem Schoß zu halten und keinesfalls auf den Boden zu stellen! Da wandelt sie sich nämlich zur sofortigen Todesfalle gemäß den feuerschutzrechtlichen Bestimmungen, die anscheinend nur für den WDR gelten.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren