Schmiede mit heißer Diskussion

Schmiede mit heißer Diskussion

In den 70er und 80er Jahren bekam man als Kind von seinen Eltern beigebracht, von Fremden Personen keine Süßigkeiten anzunehmen und erst recht nicht zu ihnen ins Auto zu steigen. Fremden grundsätzlich erstmal misstrauen — aktuell löst das eher eine kontroverse Diskussion aus. Wobei der Kern der elterlichen Empfehlung sich nicht auf „Fremde“ bezog, sondern drauf, bei merkwürdigen Angeboten und Verlockungen vorsichtig zu sein.

Die meisten von uns beherzigen das wohl auch, insbesondere in ihrer Rolle als Verbraucher. Es gibt aber Momente, da sehen die dargebotenen Süßigkeiten besonders verlockend aus. Momente, in denen uns Gehirn dann einfach aussetzen und die Irrationalität in uns die Oberhand gewinnt.

Spielszene mit Figuren

Vor einem solchen Moment stand ich gestern Abend, als ich digitale Post von dem Spielversender „Spiele-Offensive“ bekam. Der betreibt nebenbei noch das Projekt „Spieleschmiede“. Eine Art Kickstarter für Brettspiel in Deutschland. Wobei das wohl nicht ganz zutreffend ist, denn häufiger werden Spiele zur Vorfinanzierung vorgestellt, die zeitlich auch bei Kickstarter ihre Kampagne fahren.

Während ich bei Kickstarter mit den Projekten, an denen ich mich bisher beteiligte, ziemlich gute Erfahrungen gemacht habe, sieht das bei der Spielschmiede anders aus. Das erste und einzige von mir unterstützte Projekt zeichnete sich durch beredsamen Schweigsamkeit vom Moment der Finanzierung bis zum Erhalt des Spiels per Post aus. Aber gut, darum soll es eigentlich gar nicht gehen. Sondern um das gestern vorstellte Projekt (welches ebenfalls parallel bei Kickstarter zu finden ist).

„Medioevo Universalis (https://www.spiele-offensive.de/Spieleschmiede/Medioevo-Universalis/)“ soll ein Spiel für 3 bis 5 Vielspieler sein, die in Europa und dem Mittelmeerraum während des Spätmittelalters um die Vorherrschaft kämpfen. Hört sich erstmal spannend an. Auch das Video mit dem tollen Material beeindruckte nicht. Glitzernde Süßigkeiten. Und der italienische Verlag Giochix ist für mich schließlich auch kein Fremder.

Dann kam aber der Schock. Die Basisversion von Medioevo Universalis soll 114 € kosten. Darin enthalten sind aber nicht die im Video gezeigten Figuren und Münzen, sondern nur Pappcounter und Pappmünzen. Die verbesserte Deluxversion sollte 185 € kosten, ist aber nicht mehr verfügbar. Dafür hätte man sich ganz schnell entscheiden müssen. Das selbe Paket wie die „Gräfin“ kostet derzeit als „Seneschall“ 225 € — wenn man sich bis zum 23.01. entscheidet, sonst wird es nochmal 20 Euro teurer.

Mit bis zu 9 Spielern lässt sich das Spiel im Übrigen nur spielen, wenn man weitere Zusatzpakete kauft.

Bei Boardgamegeek wurde mehrfach nach den englischen Regeln gesagt, damit man einen besseren Eindruck vom Spiel erhält. Ansonsten kauft man nämlich die Katze im Sacke beziehungsweise steigt hier ahnungslos ins Auto ein. Bei der Spielschmiede heisst es über Medioevo Universalis: „Sicherlich aber eines der am meisten getesteten in der Geschichte der Brettspiele, seit die Idee dazu im Jahre 1988 zum ersten Mal aufkam.“

Vertraue ich auf so eine Aussage? Eher nicht. Bei „Scythe“ von Stonemaier Games war ich mir ziemlich sicher, dass es ein Erfolg werden würde (und mir gefällt das Spiel auch ziemlich gut). Hier waren auch die Preisvorstellungen deutlich humaner. Mit etwa 108 US-Dollar für die Collecor’s Edition fand ich das auch vergleichsweise günstig. Zudem habe ich vorletzte Jahr auf der Spiel in Essen mir selber ein Bild von Scythe am Stand von Stonemaier machen können.

Für mich zeigt Medioevo Universalis in eine neue (Preis-)Richtung, die ich nicht bereit bin mitzugehen. Ich liebe Brettspiele, wirklich. Es gibt aber auch einfach Grenzen. Vor allem mag ich keine Erpressung über knappe Bestände oder zusätzliche Belohnung für die Vorfinanzierer, die es später nicht im Handel geben wird.

Ich möchte kein Spiel, welches erst bei mir zu Hause reift und für das ich mir zahlreiche Regelkorrekturen ausdrucken muss. Ich bevorzuge fertige, getestete Spiele die idealerweise auch noch mehr als eine unabhängige positive Rezension aufzuweisen haben.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren