Überhitzte analoge Spiele

Überhitzte analoge Spiele

Der Markt für analoge Spiele ist überhitzt. Immer schneller dreht sich das Rad, Titele werden ohne fundierte Rezensionen verkauft.

Freunde analoger Unterhaltung

Eigentlich könnte man sich ja darüber freuen, wenn das eigene Hobby einen Bedeutungszuwachs erfährt. Die Spielmesse in Essen toppt im wieder ihre Besucherzahlen aus dem Vorjahr. So war es 2015 etwa 162.000 Besucher, dann 2016 174.000 und letztes sogar 182.000 Begeisterte, welche die  größte Messe dieser Art besuchten. Die andere Perspektive auf diese Besucherrekorde ist die, wenn man selber durch die Hallen in Essen wandelt beziehungsweise sich an anderen Menschen vorbei quetscht. Es ist wirklich voll geworden, dazu laut und deutlich hektischer.
Vermutlich auch einer der Gründe, warum alternative Veranstaltungen angeboten werden, wie etwa die Spiel Doch! in Duisburg. Das sind aber nicht Folgende eines überhitzten Marktes für analoge Spiele. Eher angenehme Begleiterscheinung. Was mir seit ein paar Wochen in massiver Form begegnet, sind Rezension mit fragwürdigem Hintergrund. Oder um es deutlich zugespitzter zu formulieren: eine Form von Lobbyismus, die in letzter Konsequenz der gesamten Branche schaden könnte.

Tulpenmanie und analoge Spiele
artyangel / Pixabay

Rezensionen für analoge Spiele

Ich muss an dieser Stelle sehr weit ausholen, um meinen Eindruck zu verdeutlichen. In von Mitte der 90er Jahren bis zur ihrer Einstellung 2001 habe ich mir regelmäßig die Pöppel-Revue gekauft (mittlerweile längst mangels Platz im Altpapier gelandet). Dazu ab und an die spielbox. Das waren meine Quellen für Spielerezensionen. Wer Interesse für analoge Spiele jenseits des Warenhaussortiments hatte, musste lange suche, weit fahren oder griff auf klassische Bestellung per Katalog und Post zurück. Im Freundeskreis war der Katalog von Adam spielt Kult. Oft haben wir dort bestellt. Das ist alles Geschichte, auch wenn es mehr analoge Spiele gibt als je zuvor, sind die analogen Vertriebskanäle häufig verschwunden. Modern wird im Internet bestellt.
Auch darüber könnte man lange diskutieren, darum geht es mir aber nicht. Sondern wie erwähnt um die Rezensionen. Youtube-Kanäle sprießen wie Pilze aus dem Boden, jeder der eine Kamera bedienen kann und analoge Spiele mag, meint auch Rezensionen ins Netz stellen zu können.
Gleiches gilt für Internetseiten. Im Studium kannte ich lediglich hall9000. Parallel zur Zunahme der „Rezensionen“ kommen neue direkte Vertriebsmöglichkeiten, allen voran die Plattform kickstarter.

Katze im Sack

Bei den allermeisten analogen Spielen, die auf kickstarter angeboten, nein richtigerweise vorfinanziert werden sollen, kauft man die Katze im Sack. Man kennt das fertige Produkt nicht, weiss auch oft nicht, wie gut die Spielregeln sind. Vor allem aber gibt es keine Rezensionen, klar, weil das Spiel ja noch nicht im Handel ist. Moment, aber es gibt doch Rezensionen? Ohne jetzt Namen zu nennen, ja die gibt es. Ausgewählte „Rezensenten“ bekommen vorab Exemplare zugeschickt. Zum Teil entsprechen die nicht mal dem Endprodukt.
Meiner Meinung nach leidet hier etwas die Objektivität. Es dauert, bis über ein Spiel in der spielbox berichtet wird. Aber hier weiß ich immer, dass die Autoren über das Spiel schreiben, was ich auch genau so im Handel kaufen kann. Die Art und Weise, wie dort Spiele rezensiert werden, hat für mich etwas mit Journalismus zu tun. Fundiert, sachlich und ohne den Eindruck zu erwecken, voreingenommen zu sein. Diese Voreingenommenheit ist mir sehr deutlich aufgefallen bei (und jetzt nenne ich doch mal Namen Hunter & Cron. Ehrlich, ich mag die beiden wirklich. Aber ihr Video zu „Rise of Quensdale“ brachte bei mir das Faß zum überlaufen.

Viel Wind um nichts

Jungs, 45 Minuten mit nicht Konkretem zu füllen, ist wirklich schon eine Leistung. Das ist für einen ersten Einblick breitgetretener Quark. Warum wird hier nicht gewartet, bis das Spiel im Handel ist? So ein Handexemplar vorab hat, seien wir ehrlich, einen Beigeschmack. Klar kann man bei Legacy-Spielen nicht viel verraten. Was im Übrigen ein verdammt gute Vertriebsmasche ist. Ich war jedenfalls ziemlich enttäuscht von eurem Video. Aber gilt auch für andere, etwa den immer wieder vor Begeisterung förmlich zerplatzenden Rhado.
Deswegen liegt es für mich nahe, von einem überhitzten Markt für analoge Spiele zu sprechen. Es wird ein riesiger Hype erzeugt um Spiele, die nicht mal im Handel sind. Erinnere etwas an die Tulpenmanie. Bis dann eines Tages Leute ihre Regale voller bunter Spiele haben, mit mangelhaften Regeln und wenig dauerhaftem Spielspaß.
Bei vielen Seiten mit Rezensionen fehlt es mir an Transparenz. Wenn die fehlt, kann ich im Grunde genommen eine Rezension nicht für voll nehmen. Sie hat aus meiner Sicht in etwa den gleichen Stellenwert wie bezahlte Werbung.

3 Replies to “Überhitzte analoge Spiele”

  1. Mich nerven diese ganzen Minikanäle, die Brettspielgruppen mit ihren blöden Videos fluten. Es passiert ähnliches wie damals bei den Büchern: immer mehr Buchblogs, mehr Rezensionen, Rezensionsexemplare gehen durch die Welt, Verlage mischen kräftig mit…ähnliches auch ganz krass bei den Mamiblogs, die schon vollfinanziert durch Werbung sind. Ich halte es wie bei Büchern und Filmen – Rezensionen von Leuten mit ähnlichem Geschmack. Wobei Blindkäufe hier sehr häufig sind, einfach mein mir Theme, Mechanik, Autor zusagen. Ansonsten hat man hier ja den Vorteil, dass man ein Brettspiel vorher antesten kann.

    1. Und weil wir gerade darüber sprechen: „Kickstarter Special zur Shogun- und Fresko Big Box von Queen Games“ schreibt eine Seite. Gerade Queen Games, die ihre Kickstarter Secials wenige Wochen später auf der Spiel verramschen.

      Ne, wirklich, ich finde das echt nervend. Und es stimmt, dass es bei Büchern auch extrem zugenommen hat. Teilweise mit Methoden, die unter aller Sau sind. Und die andere Seite: Unbekanntere Autoren werden regelrecht unter Druck gesetzt, ein Gratisrezensionsexemplar rauszurücken.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren