Wir nennen es Musik

Wir nennen es Musik

Wiederkehrende Ereignisse erinnern einen daran, wie schnell die Zeit vergeht. Man ist nur unterwegs im Leben, ohne großartig die Möglichkeit zu haben, zu rasten und dabei zur Besinnung zu kommen. „Unterwegs“ ist dabei ein schönes Stichwort. Gestern fand die zehnte Kölner Musiknacht mit dem Themenschwerpunkt „Unterwegs“ statt. Musik, die einem aus den Alltag reisst und es mitunter sogar vermag, einem innehalten zu lassen — wenn sie denn gut ist.

musiknacht-2014

Über Geschmack lässt sich streiten, bei Musik ist es ebenso. Für meine Frau und mich war es die fünfte Musiknacht hintereinander. Eindrücke aus den vorherigen Jahren gibt es hier: 2010, 2011, 2012 und 2013

Im Unterschied zum letzten Jahr, wo wir eher weniger zufrieden waren, stimmte in diesem Jahr die Menüzusammenstellung — obwohl wir kurz vorher und auch noch mal mittendrin die Abfolge änderten und den geographischen Gegebenheiten anpassten. Vor dem musikalischen Menü stand jedoch zunächst ein richtiges Menü, denn wir waren im Stanton essen. Aus drei Gründen. Nach vier Jahren weiss man, wie wichtig eine ordentliche Grundlage für die Musiknacht ist (zwischendurch essen geht nicht immer). Dann hatten wir uns vorgenommen, das Ereignis vom vergangenen Dienstag nachzufeiern. Und schließlich fand unsere Auftaktveranstaltung in der Antoniterkirche statt. Die ist deutlich weniger als einen Steinwurf vom Stanton entfernt.

Für unser Essen hatte ich großzügig Zeit kalkuliert, als Gründen wie man so schön sagt. Slow Food lässt sich eben unterschiedlich interpretieren. Ordentlich gestärkt ging es um viertel vor sechs rüber, zu Constanze Backes und „Der Lebenslauf der Liebe“. Was ein Auftakt! Eine Sopran-Sängerin, welche die gesamte Kirche allein mit ihrer Stimme, ohne Mikrofon oder anderweitige Verstärkung ausfüllen kann. Gut begleitet von Stefan Horz auf Orgel, Cembalo und E-Piano. Man konnte die Augen schließen und sich von Stimme und Text tragen lassen.

Nachhaltig beeindruckt blieben wir in der Kirche für die nächste Veranstaltung des Musicans Collective Köln. Obwohl Frau Backes auf die Minute genau ihre Darbietung beendet hatte, gelang es den nachfolgenden Künstler nicht, sich an die zeitlichen Vorgaben zu halten. Erst mit 10 Minuten Verspätung fing es gemächlich an. So was mag ich nicht, denn es sorgt für Transfer-Stress. Mittendrin muss man aufspringen, um zeitig zur nächsten Veranstaltung zu kommen. So war es dann auch bei uns, denn wir wollten das nächste Angebot an andere Spielstätte wahrnehmen. Zuvor machte ich mir jedoch Gedanken, ob Sallay Beck mitten in einem Stück den Geiger Willam Grigg mit ihrer Flöte im Gesicht treffen würde. Ihre ausladenden Körperbewegungen ließen zumindest so etwas befürchten. Die Stücke waren nett, aber es hing einfach noch die Stimmkraft von Frau Backes in der Luft.

Wenn man so wie wir noch nie im Museum für Angewandte Kunst in Köln gewesen ist, ist man bei der Adresse „An der Rechtsschule“ erstmal etwas hilflos. Selbst wenn einem der Veranstaltungsort förmlich ins Auge springt. Ursprünglich nicht geplant, aber weil es eine logischere Route ergab, fanden wir uns dort um kurz vor 20 Uhr ein für das Duo Santoor, die auf einer alten persischen Form des Hackbretts spielten. Musik so nah und doch gleichzeitig so fern. Meditativ, faszinierend. Eine Reise, bei der nur die Gedanken unterwegs sind. Das die beiden Preisträger des Creole Nordrhein-Westfalen 2010/11 sind, ist absolut nachvollziehbar. Nebenbei machte ich mir noch die Notiz, eine Kölner Bildungslücke zu füllen und dem Museum zu regulären Öffnungszeiten einen Besuch abzustatten.

Die nächste Spielstätte auf unserem Plan war die Kölner Philharmonie (WDR wollten wir dieses Jahr nicht, wegen der bereits bekannten Taschen-Problematik). Auch in der Philharmonie waren wir noch nie und entsprechend beeindruckte uns das Gebäude. Zum Glück konnten wir uns zumindest soweit beherrschen, nicht mit offenen Mund herumzulaufen. Obwohl die Toiletten eine wirklich phänomenale Dimension aufwiesen. Wir bekamen noch einen Rest von Kasalla und dem Subway Jazz Orchestra mit — die Philharmonie war gut gefüllt bei bester Laune. Für uns auf dem Programm stand das später musikalisch alleine spielende Subway Jazz Orchestra mit „Pictures of a Band“. Nach 45 Minuten war leider Schluss, wir hätten noch weitere Stunden lauschen wollen.

Mehr aus Bequemlichkeit (und immer noch beeindruckt von der Philharmonie) blieben wir auf unseren Plätzen für das Large Ensemble Feat. Wu Wei. Interessant war es, ohne Zweifel. Allerdings auch nicht ganz so zugänglich wie der Programmpunkt zuvor. Bei uns machte sich auch die Müdigkeit bemerkbar, so das wir früher als gedacht den Heimweg antraten. Bis zur S-Bahn hin lästerten wir über die Bekleidung der in der Philharmonie beschäftigten Mitarbeiter. Ein Oberteil in einem solchen Blau, dass es sich ins Gehirn fressen könnte. Karl Lagerfeld würde sich angesichts solcher modischer Sünden im Sarg umdrehen, wenn er denn schon tot wäre. Etwas Stilberatung für die Philharmonie gut tun, es muss wirklich nicht alles original 80er Jahre aussehen.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren