Im Land der Selbermacher

Rechts neben dem Sofa steht ein Zeitungsständer. Die berechtigte Frage im Zeitalter von PDF’s, Dateien und Evernote, warum in der Wohnung zu Hause überhaupt ein solches Ding beheimatet ist, lässt sich nur schwer beantworte.Es ist ein Relikt aus vergangenen Tagen, welches ich immer noch benutze. Bevor mir bewusst wurde, dass ich als Abonnent des Kölner Stadt-Anzeigers auch gleichzeitig Zugriff auf die digitale Version habe, sammelte sich regelmäßig der Magazin-Teil der Zeitung im Ständer.

Das als Hintergrund und zur Erklärung, warum ich erst vor einem Monat, auf eine Ausgabe des Magazins von Anfang August 2011 stieß – beim Versuch, dem Zeitungsständer radikal auszumisten. Das Magazin hatte ich mir damals aufgehoben um einen Artikel zu lesen, das dann aber offensichtlich vergessen. Ein Interview mit Susanne Klinger über ihr Buch „Hab ich selbst gemacht – 365 Tage, 2 Hände, 66 Projekte“ und ihre Motivation, ein Jahr lang so viel wie möglich selber zu machen.

Als ich das Interview schließlich vor ein paar Wochen mit gehöriger Verspätung las, war mir noch vor der letzten Zeile klar, worauf es hinauslaufen würde. Ich musste dieses Buch kaufen und lesen. In diesem Fall ersparte ich mir auf Grund des Interviews auch Rezension andere Käufer. Susanne Klinger erschien mir sympathisch genug, um mich an einen Blindkauf zu wagen. Bereut habe ich das nicht, wohl auch, weil ich andere Erwartungen an „Hab ich selbst gemacht“.

Das Buch ist auf keinen Fall als Anleitung zum selber machen gedacht. Wer solches erwarte, wird auf jeden Fall enttäuscht werden. Vielmehr ist „Hab ich selbst gemacht“ ein Erlebnisbericht. Ein Anstoß, um selber auf Entdeckungsreise zu gehen. Und den Job macht das Buch ganz gut, zumindest bei mir.

Bevor ich das aufgreife, kurz noch zum Inhalt. Klinger beschreibt auf gut lesebare Art, allerdings auch ohne sprachliche Raffinesse, wie sie die 365 Tage verbracht hat. Was ihr gelungen ist in diesem Jahr und was sich, wie die selber hergestellte Zahnpasta gründlich misslang. Am Anfang des Jahres legte sie für sich fünf Regeln fest:

  1. Meinen Lebensstandard will ich beibehalten.
  2. Dinge, die ich selber machen kann, kaufe ich nicht, sondern mache sie auch selber.
  3. Was einfach geht, mache ich grundsätzlich und das ganze Jahr über.
  4. Was schwieriger ist, probiere ich und lasse mir eventuell helfen.
  5. Nur was mich wirklich unglücklich macht, darf ich sein lassen.

Quelle: Susanne Klinger, „Hab ich selbst gemacht“

Auf mich wirkte das Buch, wie bereits angedeutet, inspirierend. Etwas selber zu machen ist mir nicht neu, wohl aber ist die Motivation verschüttet. Vor langer (wirklich langer) Zeit wurde ich von der Sendung „Hobbythek“infiziert. Das führte zu einer Phase, in der ich Creme, Shampoo, Duschgeel und Haarspray selber machte. Ein großer Akt, wenn man vorher schon angefangen hat, sein Essen selbständig zu kochen. Allerdings ist Kosmetik schon etwas heikel, insbesondere bei Gesichtscreme. Ähnlich wie Susanne Klinger habe ich eine extrem empfindliche Haut. Experimente mit Pflegeprodukten sieht man mir noch Tage später an. Eigentlich vertrage ich nur ein ganz bestimmtes, in blauen Dosen verkauftes Produkt.

Das Thema Kosmetik erledigt sich allerdings mit dem Niedergang der Spinnradläden von alleine (mittlerweile kann man wohl auch den Materialien und Zutaten online bestellen). Andernfalls hätte ich mir eingestehen müssen, wie viel Zeit ich dafür aufbringe. Was im Studium vielleicht noch geht, wird später im Berufsleben anstrengend. Selbst wenn alles nur wenige Minuten benötigt, ist es letztendlich die Summer der aufgewendeten Zeit.

Statt mir also selber gemachte Cremes ins Gesicht zu schmieren, verlagerte sich mein Fokus auf essbare Dinge. Sprossen selber züchten, Yoghurt selber machen – alles ganz nett bis auf das sich daraus ergeben Problem, grundsätzlich viel mehr produziert zu haben, als zwei Personen essen können, bevor die Sachen verderben.

Beim Brot backen verhielt es sich etwas anders, da sich die Zutaten einfacher und vielfältiger dosieren lassen. Was ich im Buch von Susanne Klinger nicht nachvollziehen konnte, waren ihre anfänglich negativen Erfahrungen beim Brot backen. Dinge aus Hefeteig zu zaubern, konnte ich schon immer. Nur mit Backpulver stand ich lange Zeit auf Kriegsfuß. Das besserte sich erst, als man mir erklärte, warum man das Pulver unbedingt vorher mit dem Mehl vermischen muss.

Zurück aber zum Brot backen. Hier durchliefen wir mehre Phasen. Dazu gehörte auch eine Periode mit einer Brotbackmaschine – vielleicht eine sehr bequeme Art, zu Hause Brot zu backen, aber sicher nicht die mit den besten geschmacklichen Ergebnissen. Von Hand gemacht sorgt vor allem auch für eine ordentliche Kruste. Die Begeisterung führte dann schließlich dazu, ein Getreideabo abzuschließen. Die Idee an sich war ja ganz nett, aber zwei Personen verbrauchen pro Monat nicht 12 Kilo Getreide – auch nicht, wenn man aus einem Teil Körnerkissen zum verschenken produziert.

Mit dem Umzug nach Köln vor fast drei Jahren schliefen dann alle Versuche, selber etwas zu machen ein. Das Einzige, was ich derzeit noch mache, ist aus erworbenen Zutaten regelmäßig zu kochen. Eine gewisse Leere und die Frage, wozu alles zwei Hände in der Lage sind, machte sich schon länger in mir breit. Daher traf „Hab ich selbst gemacht“ bei mir ins Schwarze. Anleitungen zum selber machen findet man überall im Netz, zum Beispiel in einen der zahlreichen DIY-Blogs (Do-it-yourself). Man benötig lediglich einen Vorsatz oder anderweitigen Anreiz.

In unsere Küche blubbert seit Freitag eine neu angesetzte Sauerteigkultur vor sich hin. Draus werden dann heute Abend hoffentlich genau solche Baguette – die lassen sich schnell machen und schmecken fantastisch. Das zweite Selbermach-Projekt ist der Minigarten auf dem Balkon, wobei ich dieses Jahr wohl als Lernjahr verbuchen kann. Dem Schnittlauch geht es sehr schlecht, die Petersilie verabschiedet sich auch bald, nur der Basilikum scheint sich wieder gefangen zu haben. Unbeirrt davon wachsen Tomaten und Rosmarin.

Was sich darüber hinaus noch anbietet, wird sich zeigen. Ich für meinen Teil präferiere Selbstgemachtes zum Aufessen. Ob ich handwerkliches Geschick habe, probiere ich lieber nicht aus. So hart im nehmen wie Susanne Klinger bin ich nicht, die sich an einem Wochenende beim Schuhe selber machen oft auf die Finger mit dem Hammer gehauen hat. Das Schöne beim DIY ist letztendlich, dass man selber entscheidet, was man machen möchte und was man lieber bleiben lässt.

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