Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Die Hoffnung auf eine gewaltfreie Lösung zwischen der Ukraine und Russland ist gestorben. Verdrängung hilft über den Tag hinweg.

Dritter Weltkrieg?

Die ersten Meldungen zum Angriff Russlands auf die gesamte Ukraine las ich gestern Abend. Über den Verlauf des heutigen Tags verfolgt ich immer wieder, wie sich die Situation in der Ukraine weiter entwickelt. Zur Stunde heißt es, Panzer und Bodentruppen seien bis in die Hauptstadt Kiew vorgedrungen. Die Nato verlegt als Antwort bereits Truppen an die Grenzen. Nur wer ganz abgestumpft ist, hält das nicht für eine äußerst bedrohliche Situation. Es bedarf nur eines kleinen zusätzlichen Funkens, um die ganze Welt in Brand zu stecken.

Mich persönlich nimmt das schwer mit. Mir fällt es schwer, mich auf andere Dinge zu konzentrieren. Andere sind heute Morgen ganz normal zur Arbeit, zur Schule oder sonst wo hingegangen. Gerade bei Erwachsenen frage ich mich, wie weit da schon die Verdrängung greift. Eigentlich müsste man lauft aufschreien und alles stehen und liegen lassen. Sich erheben und mit anderen gegen den Krieg demonstrieren.

Allerdings wüste ich nicht, was das bringen sollte. Russland und Putin scheren sich einen Dreck um in Deutschland demonstrierende Menschen. Die Bundesregierung ist mit Hochdruck dabei, das schlimmste zu verhindern. Politiker sind in dieser Zeit nicht zu beneiden.

Selbstschutz mittels Verdrängung

Ich frage mich, ob Verdrängung bei uns eine Art Selbstschutz ist. Also einfach normal weiter machen. Im Internet bestellen. Arbeiten. Kochen. Essen und mit Netflix am Abend entspannen. Mich bringt das leicht an den Rand des Wahnsinns.

Klar bin ich mir auch bewusst darüber, was ich alles im Alltag verdränge. Etwas in eine Kiste gedanklich zu sperren und den Schlüssel wegzuwerfen ist nichts anderes als Verdrängung. Es sind aber Dinge, die mich persönlich betreffen. Nicht die gesamte Gesellschaft oder gar den Weltfrieden.

Schon in den 1980er Jahren habe ich Mitmenschen für ihre Fähigkeit zur Verdrängung bewundert. Für mich war die Angst vor einem Atomkrieg damals spürbar. Bücher wie „Last Aid“, Filme wie „The Day After“ und der Comic „Wenn der Wind weht“ wühlten mich auf. Streckenweise fühlte ich mich wie gelähmt vor Angst.

Mit der Zeit lerne ich, mit meinen Ängsten besser umzugehen. Verschwunden sind sie aber nicht. Es ist das Gefühl, auf einer dünnen Eierschale zu leben. Bei genauerer Betrachtung trifft das auch in Friedenszeiten zu — in geologischer Hinsicht, wenn man das Erdinnere mit der Oberfläche auf der wir leben vergleicht.

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