Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Ohne die Kassette hätt es nie einen Walkman gegeben. Das Plastikgehäuse mit Magnetband steht für mehr als Bandsalat.

Blick zurück

Bis gestern Abend wusste ich nicht, wer Lou Ottens ist. Beziehungsweise gewesen ist, denn die Süddeutsche Zeitung berichtet über ihn anlässlich seines Todes. Laut SZ erfand Ottens die Kassette. Menschen meiner Generation wissen noch, was das ist. Auch, warum ein Bleistift als unentbehrlicher Helfer in der Not galt. Spulen wir mal einige Jahre zurück — was bei dem Thema besonders gut passt.

Als ich noch sehr klein war, gab es konservierte Musik und anderen Aufnahmen in Form von Schallplatten. Üblicherweise aus Vinyl, aber bei uns gab es noch ein paar alte Schätze aus Schellack. Besonders handlich war der Umgang mit Schallplatten nie, zudem musste man beim Umgang mit ihnen vorsichtig sein. Vorspulen konnte man nicht, aber den Tonabnehmer anheben und ein in etwas weiter nach innen versetzen. Zur Erinnerung: Eine Schaltplatte hat auf jeder Seite genau eine Rille. Meine Lieblingsplatte kann ich heute noch benennen, ein Star Wars Hörspiel zu „Rückkehr der Jedi-Ritter“ — in leicht gekürzter Fassung. Einige Jahre später kaufte sich mein Vater dann ein Tonbandgerät, was so heilig war, dass es für uns Kinder tabu war.

Irgendwann zu Weihnachten bekam ich dann einen Kassettenrekorder von Grundig — ganz für mich allein. Ein massives Stück Technik, was in der Qualität vermutlich heute nicht hergestellt werden würde. Absolut robust wurde es sogar später von mir an meinen Bruder weitervererbt.

Demokratie durch Kassette

Man kann Lou Ottens, der diese Woche im Alter von 95 Jahren verstarb, nicht genug danke für die Erfindung der Kassette. Durch sie wurde Musik und auch Hörspiele (etwa die ???) für eine breite Masse zugänglich. Noch genialer war es jedoch, dass es leere Kassetten gab. Man konnte mit ihr etwas selber aufnahmen. Zum Beispiel aus dem Radio, man musste nur rechtzeitig die Pausetaste drücken, bevor der Moderator reinquatschte.

Selber aufgenommen vom Radio habe ich nie etwas. Aber ich ließ mir Sachen aufnehmen. Vorher mein damaliger Schulfreund die Sachen hatte, weiß ich nicht. War mir auch egal. Die komplette Tonspur von „Indiana Jones und der Temple des Todes“ auf Kassette zu haben, fand ich total klasse. So konnte ich Szene nachspielen und mich an den Kinofilm erinnern (das ich den trotz unpassenden Alters im Kino damals sah, ist eine andere Geschichte).

Der Grundig und ich gingen dann getrennte Wege, als ich meinen ersten Computer, den ZX-81 bekam und eine ganze neue Verwendungsart für Kassetten kennenlernet: als Datenspeicher. Zum Anschluss brachte man ein Cinch Kabel, das passte leider nicht in den Grundig. Der neue Kassettenrekorder hatten einen solchen Ausgang, aber ansonsten fehlte ihm der Charme des Grundig-Gerätes und vor allem die Verarbeitungsqualität.

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