Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Im wahrsten Sinne des Wortes ist Mode immer eine hautnahe Angelegenheit. Textileine können dabei aber auch ziemlich unter die Haut gehen.

Täglicher Kick

Zugegeben, mir fehlt ein gewisses Verständnis für Mode und Trends. In Bezug auf meine Kleidung bin ich vor allem praktisch veranlagt. Natürlich möchte ich auch nicht herumlaufen wie der letzte Heuler, aber ich habe ein paar Ansprüche an meine Klamotten. Sie sollen vor allem robust sein, mehrfache Maschinenwäsche genau so wegstecken wie Flecken, die beim Kochen reinkommen. Zudem lege ich Wert darauf, dass meine Kleidung lange hält. Hie könnte ich mir jetzt selber auf die Schulter klopfen und den Nachhaltigkeitsgedanken ins Feld führen. Tatsächlich gibt es aber wenig, was ich so sehr hasse wie neue Klamotten zu kaufen. Damit gehöre ich definitiv nicht zur Zielgruppe von Fast Fashion.

Um Fast Fashion geht es in der gleichnamigen Dokumentation „Fast Fashion — Die dunkle Welt der Billigmode“ von Edouard Perrin, zu finden in der arte Mediathek (bis 6.6.2021). Eine Dokumentation, die es in sich hat. Vor allem auch, weil sie einem nicht lediglich die Fakten um die Ohren haut, sondern einen narrativen Faden aufweist.

Während für mich Mode etwas von geringem Interesse ist, brauchen andere täglichen Nachschub für den Kick. Das hat Folgen.

Zerstörerische Mode

Klamotten, die unter Umständen nur einmal getragen werden, finde ich schockierend (angesehen jetzt mal von einem Brautkleid). Das es eine regelrechte Sucht danach gibt, jeden Tag etwas anderes anzuhaben, neue Kleidung zu kaufen, die supergünstig ist – für mich eine völlig neue Erfahrung.

Was ich mir bisher denken konnte, ist die fehlende Nachhaltigkeit in der Textilindustrie. Auch die Art der Vermarktung großer Ketten ist kein Geheimnis. Das man von anderen Modeherstellern abschaut, geschenkt. Als Verbraucher ist das eher wenig relevant. Unter welchen Bedingungen Viskose hergestellt wird und welche Folgen der dabei verwendete Schwefelkohlenstoff auf Mensch und Umwelt in zum Beispiel Indien hat, ist erschütternd. Wobei man hier über die Anbaubedingungen von Baumwolle und das Färben von Jeans eigentlich bereits wissen müsste, wie wenig wert Umwelt und die Gesundheit der Arbeiterinnen und Arbeiter bei der Herstellung hat.

Für mich absolut neu waren die Produktionsbedingungen — nicht die weit weg von uns. Sondern die innerhalb von Europa in Lancashire, England. Dort nähen vornehmlich Arbeiterinnen die Kleidungsstücke zusammen, zu einem Stundenlohn von 3 Pfund — weniger als die Hälfte des in Großbritanniens gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohns. Sklaverei direkt in der Nachbarschaft.

Die Verantwortung dafür wird von oben nach unten geschoben, die Modelabel weisen jegliche Schuld von sich und geben sich empört. Dabei muss man sich nicht mal groß anstrengen, um dahinter zu kommen, dass irgendjemand für Billigmode immer einen Preis zahlt.

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