Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Auch in einem Industrieland wie Deutschland ist Armut kein Einzelfall. Der neuste Armuts- und Reichtumsberich ist erschütternd.

Einfache Definition

Möglicherweise verringert die Pandemie die Anzahl derjenigen, die es lächerlich finden, über Armut in Deutschland zu reden. „Uns geht es doch gut, nehmt mal die Menschen in XYZ zum Vergleich.“ So was hörte man genau so oft wie die Behauptung, man sie ja auch selber arm, da man sich keinen Porsche leisten können.

Es werden dabei eine ganze Reihe von Dingen durcheinander geworfen und vor allem falsch dargestellt. Eine recht gute Erklärung findet sich im Glossar auf der Seite des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Knapp und auf den Punkt gebracht:

Als absolute Armut ist dabei ein Zustand definiert, in dem sich ein Mensch die Befriedigung seiner Grundbedürfnisse nicht leisten kann. Relative Armut beschreibt Armut im Verhältnis zum jeweiligen Umfeld eines Menschen.

In der Regel verhungert niemand in Deutschland. Dennoch gibt es sie, Menschen, die auch bei uns in absoluter Armut leben. Der weitaus größere Teil hat zwar ein Dach über den Kopf, kann aber zum Beispiel nicht so am sozialen Leben teilnehmen, wie es der Rest kann. Eine Wohnung zu haben schließt zudem nicht aus, auf beengten Verhältnissen zu wohnen, weil man sich nichts anderes leisten kann.

Lockdown verschärft Armut

Pandemie und Lockdown haben bereits im vergangenen Jahr zu Einkommenseinbußen geführt. Auffällig, so die Süddeutsche Zeitung im heutigen Artikel „Sozialer Zündstoff“ ist dabei, dass die Einkommensrisiken deutlich größer sind, je weniger man insgesamt verdient. Gleichzeitig hat unser Land an Durchlässigkeit eingebüßt, sozialer Aufstieg ist schwerer und unwahrscheinlicher geworden.

Wenn gerade einmal 10 Prozent der Haushalte dieses Landes über die Hälfte des gesamten Netttovermögens verfügen, kann man durchaus von einer Schieflache sprechen. Im Übrigen sollte man gesellschaftliche Teilhabe nicht nur als Teilhabe am Konsum definieren, sondern auch als Bereitschaft, sich ich demokratische Prozesse wie etwa Wahlen einzubringen. Hier sieht es, so die SZ, in den Bevölkerungsgruppen mit geringen Einkommen besonders schlecht aus.

Der Lockdown mit seinen ganzen Einschnitten wirkt insgesamt betrachte wie eine Art Brandbeschleuniger. Detaillierte Informationen zum Armut- und Reichtumsbericht findet man auf der dazugehörigen Website des Bundesministeriums für Soziales und Arbeit. Allerdings findet man auch etwas nicht und darum geht es in einem anderen Artikel in der SZ. Süddeutsche Zeitung, WDR und NDR sind zusammen der Frage nachgegangen, wie das Virus sich auf unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen in Deutschland auswirkt. Weggeschaut wird dabei seitens staatlicher Stellen, denn Fragen zum sozialen Status Corona-Infizierter wurden und konnten überwiegend nicht beantwortet werden — ausnahmen hier waren die beiden Bundesländer Bremen und Berlin.

Corona trift Arme hart

Auf den Punkt gebracht scheint es einen Zusammenhang zwischen sozialen Status und er Häufigkeit einer Erkrankung an Covid-19 zu geben. Der Virus ist nicht der große Gleichmacher. Wer als Verkäuferin an einer Kasse im Supermarkt sitz, hat ein deutliches höheres Infektionsrisiko als ein Hochschulprofessor. Im Falle einer Infektion kann Letzterer gegenüber anderen Familienmitgliedern in seinem Einfamilienhaus wohl eher die Quarantäne einhalten, als wenn er mit geringem Einkommen zusammen mit dem Rest der Familien in einer Zwei-Zimmer-Wohnung leben würde.

Hinzu kommen noch Sprachbarrieren bei Menschen mit Migrationshintergrund, welche die Aufklärung über die Infektionsschutzmaßnahmen erschweren. Die riesige Sauerei im Umgang mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beim Fleischverarbeiter Tönnies sollten uns noch geläufig sein.

Gegenüber staatlichen Stellen gibt es in gewissen Bevölkerungsgruppen (berechtigte) Vorbehalte gegenüber staatlichen Stellen. Maßnahmen zum Infektionsschutz greifen daher hier auch ins Leere. Den Satz „Armut stirbt in Deutschland aus“ kann man auf vielerlei Weise lesen.

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