Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Der Spießbürger schätzt das Gewohnte und steht Veränderungen kritisch gegenüber. Oft tarnt er sich dabei durch einen Milieu-Mantel.

Unter Leuten

Das Landleben imm allgemeinen fällt immer wieder einer allgemeinen Verklärung anheim. Wer nicht die harte Realität kennt, hängt einer romantischen Verklärung nach. So etwa die Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner mit ihrer zuletzt umstrittenen Kampagne „#dorfkinder“. Wer selber dort aufgewachsen ist, wo andere nicht mal tot über dem Zaun hängen wollen, kennt die Wirklichkeit.

Man kennt sich, man hilft sich— Selbst der Zusammenhalt ist möglich, aber nicht zwangsläufig. Oder aber ein kleiner Anlass stürz ein ganzes Dorf in die Krise. Wie so was ablaufen kann, hat die Schriftstellerin Juli Zeh ziemlich treffen in ihrem Roman „Unter Leuten“ beschrieben. Den Freunden des Wandels stehen Spießbürger gegenüber, die ihre Angst vor Änderung mit rationalen Argument kaschieren. Dabei sind das nicht nur alteingesessne Dorfbewohner, sondern auch Zugezogene, die im neuen Milieu zu Spießbürgern mutieren.

Was bei Juli Zeh noch Fiktion war, ist in Brandenburg im Dorf Bardenitz zur Realität geworden. Dort geht es nicht um Windräder, sondern um einen Mobilfunkmast. Der Bericht in der Süddeutschen Zeitung vom vergangenen Wochenende hat auffällige Paralleln zum Roman von Zeh. Die gleichen Vorbehalte, die Spaltung der Dorfgemeinschaft und der Umstand, dass Nachbarn zu Feinden werden.

 

Sitzplatz für Spießbürger

Sitzplatz für Spießbürger

Großstadt inklusive Spießbürger

Der Spießbürger im Allgemeinen fühlt sich aber nicht nur auf dem Land zu Hause, sondern auch in der Großstadt. So etwa im Hamburger Stadtteil Ottensen. Dort startet man im letzten Jahr ein Modellversuch und erklärte einen Bereich des Stadtteils zur autofreien Zone. Das rief automatisch (in doppelter Bedeutung) die Spießbürger auf den Plan, welche gegen das Projekt klagten.

Sie sahen in der Autofreiheit keine Befreiung, sondern eine Beschränkung ihrer Freiheit. Sogar geschäftsschädigend sollte das Autoverbot sein. Hier wurde nicht mal der Versuch unternehmen, sich mit einem neuen Verkehrskonzept für mehr Lebensqualität anzufreunden. Dabei gab des durchaus die Möglichkeit von Ausnahmegenehmigungen und die Option, des Be- und Entladens in der Zeit von 23 bis 11 Uhr.

Im Ergebnis wird so was mal wieder als Grüne Spinnerei diskreditiert und mit dem Label „Verbotspolitik“ gebrandmarkt. Als ob Klimawandel und Verkehrskollaps nicht existent wären.

Im Übrigen ist es sehr putzig, wenn sich innovativ gegeben Gentrifizierer dann aus dem Großstadt-Milieu aufs Land begeben, um dort ihren Traum zu leben. Gesunde Luft, wenig Verkehr, glückliche Kühe und Kinder. Genau dieser Personenkreis, welcher in der Stadt noch für Fortschritt stand, entwickelt sich auf dem Land zum Spießbürger. Lauthals wird dann gegen Windräder und Mobilfunkmasten protestiert.

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