Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Ein belangloser Sommertag neigte sich dem Ende zu. Stephan Leiser saß auf dem Balkon seiner kleinen 2-Zimmer Wohnung und blickte auf die Garagen unten im Hinterhof. Seine Beine schwitzen durch die Hose auf den Plastikstuhl.

Brief mit schwarzem Rand

Ausblick

Auf dem Klapptisch vor ihm stand ein Teller mit den Resten seines Abendessens. Daneben lag ein ungeöffneter Brief mit schwarzem Rand. Stephan hielt seine Bierflasche so fest umklammert, dass die Knöchel weiß hervortraten. Was im Brief stand wusste er bereits. Trotzdem konnte er seine Gefühle nur schwer einordnen. Auf der einen Seite empfand er eine enorme Erleichterung. Ein dunkler Schatten, in dem er seit Jahren gelebt hatte, war endlich verschwunden.

Gleichzeitig aber gab es nun nie wieder die Möglichkeit, seinen Eltern die ganze über Jahrzehnte aufgestaute Wut entgegen zu schleudern. Als Kind und Jugendlicher hatte er sich mehrfach den Tod seiner Eltern ausgemalt. Jetzt, wo sie tatsächlich tot waren, nahm seine Wut weiter zu. Schon seit Jahren gab es zwischen ihm und seinen Eltern keine Telefonate mehr. So was wie Besuche schon gar nicht. Familienfeiern ging Stephan aus dem Weg, selbst der Hochzeit seiner Schwester vor fünf Jahren war er fern geblieben. Martina Wikenrath war nicht nachtragend. Nur sehr gehässig. Genau das wusste Stephan schon seit 37 Jahren. Ob er jetzt den Brief öffnen würde oder nicht, sie würde mit Sicherheit anrufen.

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