Leiser Abgang, Teil 4

Leiser Abgang, Teil 4

Zweieinhalb Tage später kam Stephan wie immer müde von der Arbeit. Als er die Tür seiner Wohnung aufschloss, hörte er bereits das Klingeln des Telefons im Wohnzimmer. Für gewöhnlich rief ihn niemand an, schon gar nicht, wenn er gerade nach Hause kam. Ohne abzunehmen wusste er bereits, wer das Bedürfnis verspürt, dringen mit ihm zu telefonieren.

Telefonat mit der Schwester
Trennung

Um die Hartnäckigkeit der Anruferin wissend zog er sich in Ruhe die Schuhe aus und hängte seine trockene Regenjacke an der Garderobe auf. Die Lässigkeit, mit der er ins Wohnzimmer schlenderte, passte nicht zu seinen zusammengepressten Lippen. Stephan wollte nur den Moment hinauszögern, hoffend auf ein endgültig letztes Klingeln. Vergeblich. Mit einem Seufzer nahm er ab.

„Ja.“
„Du weisst, weshalb ich anrufe.“
Martina Wikenrath kam direkt zur Sache. Keine Begrüßung, kein Smalltalk. In dieser Hinsicht wussten beide Geschwister, dass sie sich nichts mehr zu sagen hatten. Wenn man miteinander telefonierte, dann aus purer Notwendigkeit.
„Die Beerdigung ist in einer Woche.“
„Ach.“
„Du hast also den Brief nicht geöffnet. Warum überrascht mich das jetzt nicht?“

Stephan schwieg und ließ seine Schwester weiter reden. Dabei versucht er, sie sich nicht am Telefon vorzustellen.
„Du wirst da sein, um dich von Mama und Papa zu verabschieden.“
Das war aus Martinas Mund keine Feststellung, sondern eine unmissverständliche Aufforderung an Stephan. Von seiner jüngeren Schwester. Stephan schwieg weiter ins Telefon hinein.

Die Tonlage in der Stimmlage seiner Schwester wurde höher.
„Das bist du ihnen schuldig!“
Stephan explodierte, schrie ins Telefon.
„Nichts bin ich ihnen schuldig!“

Mit voller Wucht warf er das Telefon zu Boden. Das Display zersprang, die Batterieabdeckung flog unters Sofa. Davor verteilten sich die beiden Akkus und Teile von dem, was mal ein Telefon gewesen war.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren