Minderheiten als Witzfiguren

Minderheiten als Witzfiguren

Nur besonders Naive erwarten im Karneval so etwas wie Niveau. Unter der Gürtellinie ist keine Seltenheit, genau so wie Witze über Minderheiten.

Witz als Herrschaftsform

Unabhängig davon, wie man zum Karneval steht oder welche Meinung man zu Witzen über Minderheiten hat, ist eine Beschäftigung mit Narren spannend. Nicht mit den Saufkumpanen aus dem (Kölner) Karneval, sondern mit denen von früher.
Besonders der Hofnarr ist eine aufschlussreiche Figur. War es ihm doch als einzigem gestatte, sich über den Herrschenden lustig zu machen. Schwächen aufzeigen, den Spiegel vorhalten und dran erinnern, dass wir alle unabhängig vom Stand sterblich und fehlbar sind.

Liest man das so, dann ist der Narr eine wichtige Figur, eine Institution. Deutlich wird aber auch, dass die närrische Kritik von unten nach oben ging. Ursprünglich traf genau das auch auf den rheinischen Karneval zu. Man machte sich über die herrschenden Preußen lustig. Daran erinnern heute noch die Uniformen zahlreicher Karnevalsvereine. Ansonsten aber sieht traurig statt lustig aus. Insbesondere dort, wo Karneval und Narrentum institutionalisiert wurden.

Prominente, die auf Wagen im Kölner Karneval mitfahren, Politiker, die Büttenreden halten oder sich anderweitig „witzig“ aufführen. Der Witz verliert auf diese Weise seinen Witz. Schlimmer noch, gerade wenn Witze über Minderheiten gemacht werden, wird er zum Instrument der Unterdrückung.

Umgang mit Minderheiten
Umgang mit Minderheiten

Lachen über Minderheiten

Witze über Minderheiten zu machen ist billig. Gleichsam auch sehr schäbig. vor allem auch deshalb, weil der Witz an dieser Stelle zur Abgrenzung zur Ausgrenzung dient. In Anlehnung auf die Funktion des Hofnarren werden damit auch die Verhältnisse auf den Kopf gestellt. Statt Kritik an den Herrschenden zu üben, machen diese sich über die unten oder außen stehenden lustig.
Wenn man sich diese Tage über die Entgleisung der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer echauffiert, dann aus gutem Grund:

Guckt euch doch mal die Männer von heute an: Wer war denn von euch vor kurzem mal in Berlin? Da seht ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen! Das ist für die Männer, die nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen oder schon sitzen müssen! Dafür – dazwischen – ist diese Toilette.
Annegret Kramp-Karrenbauer

Für mich ist das nicht ansatzweise witzig. Auch im Karneval spricht aus Kramp-Karrenbauer die CDU-Vorsitzende. Daher ist ihre Aussage nicht subversive oder witzig, sondern beschämend. Anders als etwa BILD meint gefährdet es auch nicht unsere Demokratie, an Frau Kramp-Karrenbauer wegen dieser Entgleisung Kritik zu üben. Selbst im Karneval gibt es Grenzen, die man gerade in verantwortungsvollen Positionen kennen sollte.

Lachen über sich selber

Was mir persönlich am meisten missfällt, ist die Richtung des „Witzes“. Es geht von oben, denn Herrschenden, nach unten. Vom Witz zur Diskriminierung ist es daher nicht weit.

Vielen fehlt die Fähigkeit, über sich selber zu lachen und lustig zu machen. Nach der Vorlage aus Köln hätte Frau Kramp-Karrenbauer wirklich viele Möglichkeiten gehabt. Sie ließ sie ungenutzt. Wie gesagt, lachen auf Kosten von Minderheiten ist eben billiger.

Aber darf man wirklich nicht über Minderheiten lachen? Ist so ein Verbot nicht auch eine Form der Ausgrenzung? Lachen über Minderheiten kann auch Ausgrenzung entgegen wirken, wenn man den Tabubruch so wie etwa Serdar Somuncu zu einem Stilmittel macht. Hier muss man sich jedoch verdeutlichen, wer hier Witze über wen macht. Mario Barth über Frauen: nicht witzig. Oliver Polak über sich, Juden und andere: nicht nur Witzig, sondern subversive.

Und Serdar Somuncu? Wenn man lacht, bleibt einem manchmal das Lachen im Hals stecken — was sehr gut ist.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren