Erwachsene spielen anders

Erwachsene spielen anders

Um nichts weniger als um die besten Brettspiele für erwachsene Anfänger sollte es gehen. Eine bemitleidenswerte Studie des Scheiterns.

Garstige Gastartikel

Wenn einem in der Redaktion nichts besseres einfällt, kauft man sich einen englischsprachigen Artikel und lässt ihn dann fachfremd übersetzten. Hauptsache, man kann darin Affiliant-Links platzieren, denn wohl darum geht es — und nicht etwas um journalistische Berichterstattung. Chip ist auch nicht mehr das, was die Zeitschrift damals war. Für mich beginnt der Brechreiz bereits mit der deutschen Subline: „Spaß für die groß gewordenen Kinder“. So was können sich auch nur Deutsche ausdenken. Im englischen Original ist diese Subline jedenfalls nicht zu finden.

Dort klingt der einleitende Text auch charmanter, weil aus der Ich-Perspektive berichtet wird und nicht aus der eines unbeteiligten Beobachters. Der Original-Text wirkt auch um Länge geschliffen als die nach Bürokratendeutsch riechende Übersetzung.
Aber nun denn, es ist, wie es ist. Bleiben wir der deutschen Übersetzung an und stellen und die Frage, was uns der Artikel eigentlich sagen möchte. Er möchte Anfänger unter den Erwachsenen an das Thema Brettspielen heranführen. An dieser Stelle ergibt sich bereits die Frage, ob das in Form eines solchen Artikels überhaupt möglich sein kann. Wer liest denn solche Ratgeber? Gibt es so etwas wie einen Beschluss „ich werde jetzt Brettspieler“?

Nichts für Erwachsene
Nichts für Erwachsene

Brettspieler als Erwachsene

Meiner persönlichen Meinung nach gibt es zwei Arten, wie Erwachsene Brettspieler werden. Entweder dadurch, dass sie bereits welche sind, weil sie in ihrer Kindheit und Jugend damit sozialisiert wurden. Oder aber, weil sie „infiziert“ wurden. Es gab einen Abend oder Nachmittag mit anderen Erwachsenen, wo dann plötzlich ein Brettspiel auf dem Tisch landete. Oder aber ein verengter Urlaubstag, wo man auffällig auf eine mysteriöse Schachtel in der Ferienwohnung stieß.

Unabhängig davon gibt es eine Sorte Erwachsene, die in jeder Situation allergisch und anlehnend auf Brettspiele reagieren. Die überzeugt man auch nicht durch eine fundierte Beratung. Ursache dafür? Siehe Subline. Brettspiele gleich Spiele gleich Kinderkram.

Schauen wir uns aber mal die Auswahl in dem Artikel an. Splendor. Solides Spiel, wenn auch nicht in meiner Sammlung vorhanden. Dürfte man sogar fernab vom Fachhandel bekommen, verkehrt macht man damit nichts, es zeigt aber nicht, welchen Reiz Brettspiele ausüben können.

Carcassonne ist ein gutes Legespiel und war auch zu Recht Spiel des Jahres. Das war im jähr 2001, ist also über 17 Jahre her. Die Welt dreht sich weiter und ebenso entwickeln sich Brettspiele. Es gibt mittlerweile bessere Tipps für erwachsene Einsteiger in das Hobby.

Möhren aus der Vergangenheit

Zug um Zug, auch so ein älteres Spiel. Auf jeden Fall nett, wenn auch nicht herausragend. Spannend wird es bei den Spielen für Fortgeschrittene. Hier wird als erstes Catan aufgelistet. Darüber muss man nicht streiten, Catan gehört in jede Sammlung. Und zwar wirklich der Klassiker und keine der modernen Verwirrungen. Streiten kann man allerdings darüber, ob und welche Erweiterungen man benötigt oder ob man sich für das Geld nicht lieber ein völlig anderes Spiel kauft.

Ja, 7 Wonders ist ein Zivilisationsspiel. Aber lustig finde ich es nicht. Eher etwas trocken. Anfängern würde ich es auch nicht im fortgeschrittenen Stadium empfehlen. Zu Dixit, ein weiteres Spiel auf der Liste, kann ich nichts sagen, dafür aber zu Codenames. Gehört genau so wie Catan in jede Sammlung und schafft es wirklich, ganz unterschiedliche Menschen anzufixen.
Pandemie ist eine gute Empfehlung, kann aber komplett nach hinten gehen, wenn es in der falschen Gruppe auf den Tisch kommt. Warum? Weil es eine Wahrscheinlichkeit gibt, dass die Gruppe mit der Mission scheitert. Das weckt keine positive Grundeinstellung zu Brettspielen, wenn man frustriert wird.

Patchwork für zwei Spieler, mhm ok. Habe ich auch nicht in meiner Sammlung, da würde ich auch anderen Spielen den Vorzug geben.
Nach den aufgeführten Spielen folgt dann ein so genannter Wettbewerb mit Spielen, die es nicht in die Endrunde geschafft haben. Eine schöne Auflistung von Werbelinks, könnte man sagen. Oder eine willkürliche Zusammenstellung. Darunter sind beachtliche Titel, wie etwa Azul, Sheriff von Nottingham, oder Klong! — bei letzterem zeigt sich mal wieder die Schlampigkeit der deutschen Übersetzung, denn im Artikel steht Clank.

Um das Elend abzuschließen: ein paar deutsche Youtube-Videos von Brettspielern enthalten mehr brauchbare Empfehlungen als der Artikel in seiner gesamten Länge.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren