Träm tritt ab — 5

Träm tritt ab — 5

Unter Mitstudierenden galt Träm als souveräner Autofahrer. Eine Nachwirkung seines Zivildienstes, als er Essen auf Rädern verteilte. Ihm gab man gerne die eigenen Autoschlüssel, wenn man selber nicht mehr fahren konnte. Da Träm selber nichts trank, wurde er gerne zu Partys eingeladen. Nicht weil er besonders unterhaltsam war, sondern weil man in ihm stets einen guten Chauffeur für hinterher fand. Georg Träm selber machte das zwar etwas aus, aber er war auch dankbar, Nächte wie etwa Silvester nicht in seiner eigenen kleinen Wohnung alleine verbringen zu müssen. Sein früherer Freund hatte Bielefeld längst verlassen, nur Träm blieb hängen. Woanders wäre er auch allein, also konnte er genau so gut in Bielefeld bleiben.

Wunderliche Wunderkerze
nidan / Pixabay

Die Silvester-Feier fand in einem der größeren Wohnungen in der Morgenbreede statt. Eine bunt zusammengewürfelte 3er-WG, die linke Ansichten und eine vegetarische Überzeugung einte. Genau genommen hätte man Träm diesmal nicht gebaucht, denn die meisten der Gäste konnten fast hinspucken, so nah lag es. Träm würde als Fahrer hinterher nicht gebraucht. Die Wenigen, die doch von weiter weg kamen, würden irgendwo in der Nähe bei anderen auf Isomatten übernachten. Oder gleich gemeinsam im Bett, wenn man sich verstand. Das man ihn eingeladen hatte, geschah aus Gewohnheit, die sich auf Dauer bei allem einschleifte.

Irgendwer hielt es auch für korrekt, dass Motto „Brot statt Böller“ konsequent durchzuziehen. So gab es an dem Abend weder Fleisch noch Feuerwerk, dafür aber reichlich Alkohol. Um trotzdem um Mitternacht in die richtige Stimmung zu kommen, gab es Wunderkerzen, die man in Kuchenstücke auf den Küchentisch steckte. Was wenige wissen und Träm in dieser Nacht erfuhr, war die mangelnde Zimmertauglichkeit von Wunderkerzen. Sie können auf weißen Tischen hässliche Flecken hinterlassen und vertrugen sich schlecht mit dem Fleecepullover von Träm. Auf ihn hatte Georg lange gespart, Neujahr zierte ihn ein dicker verschmortere Fleck auf dem linken Ärmel.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren