Chronik eines Hinwurfs

Chronik eines Hinwurfs

Nach langer Leidensgeschichte gab es gestern endlich so was wie eine Einsicht. „Ohne mich wäre die SPD besser dran“ — ähnliches hat Sigmar Gabriel vermutlich gedacht. Oder auch nicht. Das Problem bei Gabriel ist jedoch, dass er so was nicht nur gedacht hat, sondern auch darüber gesprochen. Aber der Reihe nach.

Als es gestern am frühen Nachmittag die ersten Gerüchte gab, Sigmar Gabriel würde hinwerfen, auf eine Kanzlerkandidatur verzichten, gab es bei mir selbstverständlich einen Moment der Erleichterung. Erleichterung darüber, im Herbst nicht Merkel wählen zu müssen, um Gabriel zu verhindern. Erleichterung auch, weil sich damit die Hoffnung verbindet, die SPD könnte sich endlich aus dem Tal der Tränen befreien.

diego_torres / Pixabay

Wenige Augenblicke schlug die Erleichterung aber in Wut um. Nicht wie Gabriel hingeworfen hat. Sondern die wenig charmante Art und Weise, wie er das der Partei und Öffentlichkeit mitteilte. Man kann mich für besonders empfindlich halten, aber meiner Meinung nach gehört es sich nicht, einem Wochenmagazin wie dem stern ein oder zwei Tage bevor man sich mit den Genossen über seine Kanzlerkandidatur berät ein Interview zu geben. Ein Interview, in dessen Verlauf man die Entscheidung bereits vorweg nimmt und was dann von stern zur Titelstory verarbeitet wurde. Das Cover der Ausgabe (http://meedia.de/2017/01/24/noch-vor-treffen-der-spd-parteispitze-sigmar-gabriel-verraet-dem-stern-seine-absage-an-kanzlerkandidatur/) von dieser Woche (die regulär am Donnerstag erscheint) und eine par Hintergrundinformationen gelangte einige Stunden vor Gabriels Treffen mit dem Rest der Parteiführung in die Öffentlichkeit — was den Affront perfekt machte. Eigentlich wurde damit das Treffen selber bereits zur Farce degradiert. Seine Entscheidung hatte Gabriel längst getroffen und statt mit den Genossen mit Journalisten darüber geredet. Als Parteimitglied macht mich eine solche Vorgehensweise alles andere als glücklich. Man fühlt sich schlichtweg überrumpelt.

„Der Rücktritt“ so wie der stern titelte, erschien Gabriel nach monatelangem Ringen als notwendig. Zum Wohle der Partei. Vielleicht auch zu seinem eigenen Wohl, denn es scheint so als hätte Gabriel erkannt, wie wenig sich Arbeit und Familie vereinbaren lässt. Wenig Zeit für seine Frau und Kinder zu haben, ist in der Tat nicht schön. Dies hätte er aber vorher wissen können, denn es ist kein Geheimnis, welchen Herausforderungen man sich als Politiker stellen und welche Opfer man bringen muss. In diese Richtung will ich aber nicht nachtreten. Gabriel hat eine Entscheidung getroffen und das ist auch gut so. Weniger gut vielleicht für die NRW-SPD, die in einer Art Niebelungentreue lange Gabriel die Stange gehalten hat, aber gut für die gesamte Partei. Sie kann jetzt die Zeit nutzen um kurz und tief durchatmen und sich auf die Bundestagswahl konzentrieren — eigentlich.

Eigentlich, denn eigentlich ist es falsch, was die Medien berichten — so auch die Süddeutsche Zeitung: „Martin Schulz wird Kanzlerkandidat der SPD“. Nein, wird er erstmal nicht. Bevor das passiert, gibt es einen Sonderparteitag, in dem die SPD mit aller Wahrscheinlichkeit Schulz wählen wird. Ein Automatismus ist das jedoch nicht. Zumindest theoretisch kann es auch noch andere, möglicherweise geeignet Kandidaten geben. Nach wie vor vertrete ich die Position, dass über einen Kanzlerkandidaten alle Parteimitglieder entscheiden sollten. Das hätte auch den unbestrittenen Vorteil, einen Gegner für Merkel aufstellen, der von einer breiten Basis mitgetragen wird.

Was die Zukunft von Gabriel angeht, so wird gemunkelt er solle Außenminister werden. Für mich ist das in etwa so, als würde man einen Elefanten zum Verkäufer in einem Porzellanladen machen. Fingerspitzengefühl, und das zeigt auch die Art seines über eine Illustrierte vermittelten Abgangs, besitzt Gabriel nicht. Genau das würde er jedoch als Außenminister dringend benötigen.

3 Replies to “Chronik eines Hinwurfs”

  1. Nun, dass Gabriel lieber sich selbst inszeniert anstatt auf die Wünsche und Belange der Parteibasis zu achten, ist keine neue Erkenntnis mehr. Dazu passt auch, dass er seine Entscheidung erst an die Medien kommuniziert und dann erst mit dem Parteivorstand redet. So ist Gabriel und so hat er die SPD an den Rand des Abgrundes gefahren.

    Ob sein Rückzug wirklich so überraschend ist, oder ob er da im Hintergrund nicht eher zu gedrängt wurde, weiß ich nicht. Allerdings würde ich eher von der zweiten Variante ausgehen, da jedem bewusst war, dass die SPD mit Gabriel keine Chance hat. Ob Martin Schulz jetzt der bessere Mann ist, dass wird sich zeigen müssen, aber die Chance, dass er große Teile der SPD Basis für den Wahlkampf mobilisieren kann ist größer als bei Gabriel.

    Wäre noch zu klären, wer denn sonst Kanzlerkandidat der SPD werden könnte. Scholz mag in Hamburg sehr beliebt sein, auf Bundesebene hätte er aber keine Chance. Frau Kraft möchte lieber in NRW bleiben, fällt also auch aus der Liste raus. Wer bleibt da noch außer Schulz? Wowereit? Glaube nicht, dass er eine Chance hätte. Stegner? Eher nicht! Obermann? Um Himmels Willen! Es ist also keiner da außer der Schulz.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren