Eine geplatzte Hutschnur

Eine geplatzte Hutschnur

Mit der Bahn zu fahren, ist jeden Tag auf’s Neue ein Abenteuer. Auch wenn man häufig die gleichen Menschen und mit Ausnahmen von Umleitungen eigentlich immer (zumindest als Pendler) die gleiche Landschaft draußen vorbeiziehen sieht. Oder eben nicht vorbeiziehen sieht, wenn man den heutigen Morgen in Köln als Beispiel nimmt. Von der Hohenzollernbrücke aus ließen sich die Kranhäusern nicht mehr erkennen, die Brücke war in Nebel gehüllt. Sichtweite etwas einen Meter. Damit die Fahrgäste dieses Spektakel besonders gut genießen konnten, fuhr der ICE im Schneckentempo.

Man sollte aber nicht jammern, denn zumindest war es drinnen warm, auch wenn es merkwürdig nach altem Spargelwasser im Abteil roch. Überhaupt kann man sich in der kalten Jahreszeit über jeden Tag freuen, an dem die Bahn einen nicht zu lange auf dem Bahnsteig in der Kälte stehen lässt. Von erfrorenen Reisenden zwischen Köln und Essen hat man zwar noch nicht gehört, aber krankheitsbedingt gibt es unter den Pendlern zumindest immer mal wieder Ausfälle. Beim Stehen auf dem Bahnsteig zieht die Kälte von unten nach oben, bis man komplett durchgefroren ist. Beschleunigt wird das mitunter durch einen scharfen Wind, der einem um die Nase weht und vor dem es nahezu unmöglich ist, sich zu verstecken.

Das Wartehäuschen in Essen abends ist entweder voll und ungeheizt, da setzt sich niemand gerne auf die kalten Stahlbänke. Während anderswo dem Problem durch das Personal nur mit Schulterzucken begegnet wird, ist man in Düsseldorf erfinderischer. Am dortigen Bahnhof wurde gestern ein interaktive Fitnessprogramm eingeführt, damit sich die Reisenden noch vor dem Betreten des Zuges richtig aufwärmen können — oder zumindest ordentlich aufregen, denn das beschleunigt bekanntlich auch den Puls.

Es kommt häufiger vor, dass bei der Bahn Züge in umgekehrter, manchmal sogar in beliebiger Wagenreihung, einfahren. Für Reisende mit fester Platzreservierung oder ausgeprägten Gewohnheiten (dazu zähle ich mich), ist so was immer etwas ungünstig. Um ihren Kunden möglichst wenig Unangenehmheit zu bereiten, werden die Fahrgäste am Bahnhof über Änderungen in der Wagenreihung rechtzeitig informiert. So bleibt genügen Zeit, sich einen neuen Warteplatz auf dem Bahnsteig zu suchen um dann zielgenau direkt vor „seinem“ Wagen zu stehen, wenn der Zug einfährt. Soweit zumindest die Theorie. Kommen wir wieder zurück zum Düsseldorf Hauptbahnhof gestern Abend. Dort gab es für den ICE 768 keine solche Information, wohl aber für die vorher eingestiegenen Reisenden in Essen und Duisburg. Die Wagen der 2. Klasse befanden sich am Zugende. Selbstverständlich knubbelte sich alles am Bahnsteig an der Zugspitze, Fahrgäste, die vorne keinen Sitzplatz mehr bekamen (in Düsseldorf wird der ICE, welcher bis nach München fährt, immer recht voll), mussten durch die Wagen weiter nach hinten durchgehen. Das kollidiert eigentlich immer mit den Fahrgästen, die gerade dabei sind, sich in aller Ruhe häuslich einzurichten, ihren Koffer in die Ablage zu packen etc. und damit den Gang verstopfen. Im Ergebnis mussten Personen wieder aussteigen und außen über den Bahnsteig weiter nach hinten laufen — so viel los zum Training. Freundlicherweise wartete das Zugpersonal wirklich auch alle, die sich auf diese Weise nach hinten durchschlugen. Was allerdings etwas dauerte und zu einer Zugverspätung von 15 Minuten führte.

Eigentlich hätte ich dem gesamten Vorgang keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt, wenn nicht jemanden vom Zugpersonal die Hutschnur geplatzt wäre. Die Fahrgäste wurde per Durchsage über den Grund der Verspätung informiert. Daran wären, so der Zugbegleiter, die Düsseldorfer Mitarbeiter der Bahn verantwortlich. Sie hätte es offensichtlich und obwohl sie über eine Stunde zeit gehabt hätte, nicht geschafft, die Anzeige entsprechend einzustellen und die Fahrgäste auf dem Bahnsteig zu informieren. Mehrmals fiel das Wort „unfähig“. Und dann kam eine Entschuldigung, die ich der ich schon sehr lange und sehr häufig mit der Bahn fahre, in so einer Form noch nie gehört habe:

Ich möchte mich für das Versagen meiner Kollegen in Düsseldorf entschuldigen.

Das waren mehr als deutliche Worte. Frei heraus sprach dort jemand an, warum der Zug verspätet in Köln (und allen weiteren noch folgenden Stationen) ankommen würde. So was wünscht man sich häufiger zu hören.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren