Ein ganzes Land auf Koffein

Ein ganzes Land auf Koffein

Unmöglich morgens den Weg zum Bahnsteig hinauf zu schaffen, ohne über die ersten müden Zombies zu stolpern, die sich voller Verzweiflung an ihre Coffee to go Becher klammern. Die Selbstversorger der unter Schlafentzug leidenden erkennt man an ihren Thermobechern. Im Kölner Bahnhof läuft gefühlt jeder Zweite mit einem Kaffee herum. Wobei laufen in diesem Fall eher mit schnellerem, unkontrollierten Schlurfen zu übersetzen wäre.

kaffee photo
Nicht zur nasalen Einnahme geeignet…

Ein ganze Land auf Koffein, so schein es. Wurde über nacht die Kaffee-Versorgung zusammenbrechen, stünde unser Land vermutlich unmittelbar vor dem Konkurs. Arbeiten ohne mindestens eine Tasse getrunken zu haben ist ein Ding der Unmöglichkeit. Selber kann ich mich da nicht ausnehmen, denn auch ich starte in den Tag mit einer entsprechenden Dosis. Es ist zwar Tee, was ich mir morgens beim Frühstück (und nicht unterwegs in Eile) zuführe, der Wirkstoff aber sehr ähnlich. Vor allem aber die Dosis ist entsprechend höher. Ohne einen halben Liter Tee läuft bei mir gar nichts. Nicht mal ansprechen sollte man vor Erreichen des zum Betrieb nötigen Koffein-Pegels. Im weiteren Verlauf greife ich dann zu Kaffee oder Tee, je nach dem, was in Reichweite ist — und sich unter Wahrung eigener Mindestansprüche zubereiten lässt.

Es gibt Menschen, die schaffen es, sich vom Kaffee (oder eben Tee) vollständig zu lösen. So würde mir wohl schwer fallen. Zudem möchte ich es auch gar nicht. Sicher, das hört sich ein wenig nach Drogenabhängigkeit an, aber wenn man es genau nimmt (und es soll durchaus Zeitgenossen geben, die das tun), dann ist Koffein eine Droge. Ein Aufputschmittel. Leider auch ein Aufputschmittel, welches mich schon sehr lange begleitet.

Angefangen hat alles bei mir mit der Einschulung. „Zum Wachwerden um die Uhrzeit kann der Junge auch mal einen ordentlichen Schluck Kaffee bekommen“, hieß es. So bekam er (also ich) ihn und wundernswerter Weise fand ich auch Geschmack daran, was man von Bier während der Pubertät nicht behaupten kann. Ich blieb beim Kaffee, wechselt nur für ein paar Jahre Anfang der 90er auf Tee, als eine Art stille Rebellion. Koffein hatte der trotzdem.

Nur in meiner Rohkost-Phase versuchte ich es vollständig ohne Tee oder Kaffee. Der Preis dafür war mir jedoch zu hoch. Dauerkopfschmerzen über eine Woche begleiteten mich, bevor ich an dieser Stelle ein Kompromiss einigen. Rohkost ja, aber Kaffee beziehungsweise Tee waren mir erlaubt. Inkonsequent, sicher, aber lange Zeit, darüber auch noch nachzudenken, hatte ich nicht, denn auch das gesamte Experiment „Rohkost“ endet recht bald.

Wenn sich gewahr wird, welchen Stellenwert Kaffee eigentlich in unserer Gesellschaft hat, wundert man sich über die Formen deutlicher Misshandlungen, die ihm an manchen Stellen widerfährt. Zumindest mir dreht sich der Magen um, wenn mit dem Ausruf „Frischer Kaffee“ jemand vom Zugpersonal durch das ICE-Abteil läuft. Frisch mag der Kaffee möglicherweise sein, aber so wie er riecht, musste er ziemlich gelitten haben bei der Zubereitung. Das erklärt dann auch seinen hohen Preis, es ist wohl eine Art postmortales Schmerzensgeld.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren