Streik dich nicht so an!

Streik dich nicht so an!

Wenn man auf den Bahnverkehr angewiesener Pendler autofahrenden Mitmenschen von den Auswirkungen des Streiks der GDL erzählt, erntet man mitunter mitleidsvolle Blicke. Die unterschwellige Botschaft dabei: „Stell dich nicht so an, anderswo ist auch schlimm.“ Wobei der Maßstab für „anderswo“ immer der wohltemperiertePKW des jeweiligen Gegenüber ist. Im Stau stehen mag zwar auch kein Zuckerschlecken sein, aber auf zugigen Bahnhöfen oder muffigen Zügen abzuhängen, werden alles sich mal wieder im Stillstand sonnt, ist gerade bei abnehmenden Temperaturen ein kleiner Vorgeschmack auf die Vorhölle.

Natürlich erwartet man als Pendler kein Verständnis. Weder von der GDL noch von den autofahrenden Mitmenschen. Warum auch sollte man etwas gerade währende des Streiks bekommen, was einem sonst verwehrt wird. Wer lange Strecken fährt, ist schließlich selber Schuld. Oder, wie es eine meine charmanten Kolleginnen früher mal formulierte: „Das ist Ihr Privatvergnügen, Herr Boley.“ Zumindest muss man dafür keine Vergnügungssteuer bezahlen — ein kleiner, schwacher Trost.

Seit heute bis Montag in der Früh liegt der Bahnverkehr wieder überwiegen still und starr liegt wie der See zu Weihnachten. Ob ich meinen Zug am Montag zu Arbeit bekommen werde, ist noch ungewiss. Immerhin, die Berichterstattung im Kölner Stadt-Anzeiger hat sich verändert. Vor ein paar Wochen hatten viele Kölnerinnen und Kölner Verständnis für den „Bahnstreik“, zumindest stand das so im KSTA. Vergangenen Donnerstag wurde dann in dem Artikel „Gestrandet auf Gleis 5“ über Menschen beichtet, die vom Schicksal mindestens genauso hart getroffen wurden wie vom Streik. Ahnungslose, die völlig überrascht waren, dass kein Zug fuhr. Wirklich erstaunlich, denn man muss sich ernsthaft Mühe geben und einen großen Bogen um jegliche Form der Berichterstattung machen. Der Streik war nun wirklich vorher angekündigt.

Ehrlich gesagt ziemlich unglaubwürdig fand ich die Geschichte von einer Frau, die entlassen wurde, weil sie bedingt durch den Streik zu spät zur Arbeit gekommen ist. Niemand wird gleich deshalb entlassen, normalerweise würde hier wenn überhaupt eine Abmahnung erfolgen (und es soll Gerüchten zu folge viele Arbeitgeber mit Verständnis für die Nöte ihrer Mitarbeiter geben). Es muss also bereits in der Vergangenheit etwas vorgefallen sein bei der Frau. Oder aber sie hat einen Arbeitgeber, der völlig überzogen reagiert hat. In so einem Fall wäre das Thema für ein Arbeitsgericht. Von einem Journalisten, der seinen Beruf ernst nimmt, hätte ich an dieser Stelle erwartet, in so einem Fall weiter nachzuforschen. Der KSTA beschränkt sich in seiner Sorgfaltspflicht darauf, immer wieder die gleichen Textbausteine zur Information der Reisenden zu verwenden (mir fällt das extrem in der digitalen Ausgabe auf).

Wie dem auch sei, der Tonfall ändert sich auch in einer Kölner Zeitung, wenn es Ausnahmsweise nicht nur Pendler, sondern Urlauber und vor allem Fußballfans erwischt, so wie an diesem Wochenende. Dann heisst es direkt auf Seite eins: „Empörung über Bahn-Streik — Keine Züge bis Montagmorgen Auch Fußballfans vom Ausstand betroffen“. Dabei streikt gar nicht die Bahn selber, sondern die GDL. Aber das ist für eine Überschrift zu kompliziert.

Natürlich ist es, sagen wir mal, unschön, wenn ein Teil der Eisenbahner (denn längst nicht alle beschäftigten teilen die Sichtweise von GDL-Chef Claus Weselsky) genau dann streikt, wenn in mehreren Bundesländern, darunter auch Nordrhein-Westfalen, die Ferien zu Ende gehen (oder bei anderen anfangen). Einen Urlaub vorzeitig abzubrechen, ist nicht schön. Aber immer noch besser, als wegen eines Streiks den Job zu verlieren. Eine merkwürdige Steigerung in der Berichterstattung, lieber KSTA.

Auf der Meinungsseite ist dem KSTA auch jegliches vorheriges Verständnis abhanden gekommen. „Skandalös und rücksichtslos“ heisst es da bei Herrn Wiedemann. Es waren halt auch deutsche Urlauber unter den Opfern.

Wer sich, vielleicht aus Zeitungsleser oder gar Autofahrer, mal einen Eindruck verschaffen möchte, wie der Streik aus der Sicht eines Lokführers bewertet wird, dem sei der Artikel „Egotrip, Arbeitskampf und Personalprobleme“ von Oliver Konow ans Herz gelegt. Dort erfährt man etwas mehr über die Hintergründe, die in der Aufregung gerne immer unter den Tisch fallen.

2 Replies to “Streik dich nicht so an!”

  1. Ich gehöre ja leider zu den Pendlern. Doch bevor ich am Bahnhof strande, informiere ich mich über die Streiklage. Zudem bin ich auf der Seite der Streikenden. Jetzt sehen wir mal, wie wichtig so ein paar GDL-Angestellte sind. Streikt! Streikt bis ihr endlich fair entlohnt werdet!

    1. Auf er Seite der Streikenden bin ich in diesem Fall nicht mehr — es geht nicht um faire Löhne, sondern um die feindliche Übernahme einer anderen Gewerkschaft.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren