Den Vorhang zu und alle Fragen offen

Die nüchternen Fakten vorweg. Im Alter von 93 Jahren ist gestern Marcel Reich-Ranicki gestorben. Bekannt war er vor allem als Literaturkritiker und durch das „Literarische Quartett„.

Durch diese Sendung kannte auch ich ihn. Seine Texte aus der FAZ habe ich nie gelesen, dafür die seiner langjährigen Mitstreiterin im Quartett, Sigrid Löffler, die unter anderem für die Süddeutsche Zeitung arbeitete. Unvergessen bleibt für mich der Disput zwischen Reich-Ranicki und Löffler, in dessen Folge Löffler das Literarische Quartett verließ.

Die Differenzen der beiden Literatur-Kritiker drehten sich um das Buch „Gefährliche Geliebte“ von Haruki Murakami. Für mich hatte der Streit auch Folgen, denn ich stieß dadurch auf den japanischen Autor und entdeckte ihn für mich – zu einer Zeit, als ich mit deutschsprachigen Autoren haderte. Für mich war und ist das, was Murakami schreibt, Literatur – auch wenn Frau Löffler das anders sah.

Es gibt ein Zitat von Marcel Reich-Ranicki, welches der Kölner Stadt-Anzeiger heute im Kontext seines Nachrufes abdruckte, dass es wie kein anderes auf den Punkt bringt, was die Aufgabe von Literatur ist:

Viele Autoren und Kritiker hegen ein Misstrauen gegen unterhaltsame Literatur. Ich sage stattdessen: Literatur darf nicht nur unterhaltsam sein, sie muss es sogar!

An diese Aussage sollte man sich über den Tod von Reich-Ranick erinnern, denn sie ist wegweisend. Literatur, die nur Nabelschau betreibt und sich um sich selber dreht, unterhält nicht.

Reich-Ranick hatte ein unvergleichliches Talent, Bücher die ihm missfielen, zu verreißen. Dabei ließ er sich auch nicht vom Ruhm eines Autors beeindrucken. Gut in Erinnerung ist geblieben ist mir noch, wie sehr Marcel Reich-Ranicki das Buch von Günther Grass, „Ein weites Feld“ verriss. Der Spiegel brachte das sogar ganz bildlich auf seiner Titelseite.

Mein Lieber – ein Redewendung von Reich-Ranick nicht selten erst die gelungenen Elemente eines Romans hervorhob, nur um dann um so heftiger die Schattenseiten zu beleuchten. Das Literarisches Quartett war immer großes Theater – Literatur Theater. Insofern passte auch das abgewandelte Brecht-Zitat am Ende der Sendung:

Und so sehen wir betroffen
Den Vorhang zu und alle Fragen offen

Ein Kritiker, dazu ein bekannter, ja geradezu berühmter. So was erzeugt zwangsläufig auch Widerspruch und Missgunst. Nicht jedem Schriftsteller ist es gegeben, mit Kritik umzugehen. Martin Walser rächte sich an Reich-Ranicki auf eine ganz eigene Art. Er schrieb den Roman „Tod eines Kritikers“ und löste damit eine Diskussion darüber aus, ob man so was dürfte. Man darf, war damals die überwiegende Meinung.

Den Weg, den Reich-Ranicki bis zum respektierten Literaturkritiker zurück gelegt hat, war alles andere als kurz und leicht. Er war einer der wenigen, die lebend aus dem Warschauer Ghetto entkommen konnten. Auch das sollte man nicht vergessen, wenn man sich an Reich-Ranicki erinnert.

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