Ein Platz für tote Bücher

Ein Platz für tote Bücher

Mein Leben als Leser zeichnete sich bisher bereits durch unterschiedliche Phasen aus. Am Anfang Kinder- und Jugendbücher. Es folgten dann Romane aus ganz unterschiedlichen Genres, mit einem leichten Hang zur Science Fiction. Richtung Oberstufe, geprägt auch durch den Deutsch-Leistungskurs änderte sich die Auswahl der Lektüre. Über das, was einem von der Schule aufgetragen wurde zu lesen, wählte ich freiwillig anspruchsvolle Lektüre aus.

Noch vor Beginn des Studiums stellte ich fest, dass ich mit einem großen Teil der jüngeren deutschsprachigen Autoren nicht warm wurde. John Irving, Paul Auster, T. C. Boyle und Haruki Murakami (um nur ein paar Namen zu nenne) waren die Autoren, für deren Bücher ich mich begeisterte. Anfang der 30iger (meiner, wohlgemerkt) nahm ich mir wieder deutsche Autoren vor. Empfehlungen aus dem Feuilleton. Der Ausflug in die selbstverliebte Hoch-Literatur führte bei mir zur Lesefrustration und zum radikalen Gegenkurs. Daher verschlang ich danach jahrelang wieder Science Fiction, eine ganz bestimmte Serie. Eigentlich muss man sich auf Grund des fehlenden Anspruchs fast schämen. Nur fast, denn solange ein Buch unterhält, hat es zumindest für einen selber einen gewissen Wert.

Wieder ein paar Jahre weiter kehrte ich zurück zu dem, was sich „Literatur“ nennt, diesmal allerdings erheblich vorsichtiger und gut präpariert. Als Leser lernt man immer auch dazu. Meine Erkenntnisse auf der Reise durch die Welt der Bücher lassen sich für mich auf drei einfache Regeln runter brechen.

  • Die Mischung macht es
  • Ein schlechtes Buch wird nicht besser
  • Bücher kann man auch unausgelesen zur Seite legen

Die Fokussierung auf eine bestimmte Art Bücher ist eine Verengung, die Gefahr der Frustration in sich birgt. Zwischendurch dass Genre wechseln, mal ein Sachbuch lesen oder aber schauen, was sich auf der Longlist des Deutschen Buchpreise für Romane tummeln, bringt Abwechslung und Spannung. Eine gewisse Portion Neugier hilft dabei, neue Autoren für sich selber zu entdecken.

Bücher können auf verschiedene Arten schlecht sein. Der Schreibstil des Autors kann furchtbar sein, die Handlung kaum vorhanden oder man erschließt das Buch nur für sich, in dem man sich mühsam durch jede Seite kämpft. Literatur darf ruhig etwas anstrengen. Unverständlich zu schreiben ist aber nichts, was einen guten Autor auszeichnet. Stellt man in den ersten Kapiteln fest, dass nach eigener Definition ein Buch schlecht ist, wird es, so meine Erfahrung, auch durch die folgenden Kapitel nicht besser. Daher gibt es für mich die wichtigste, dritte Regel.

Es gibt kein Anspruch eines Buchs darauf, ausgelesen zu werden. Von dem Gefühl, es unbedingt zu Ende zu lesen, weil man sich dazu verpflichtet fühlt (aus welchen Gründen auch immer), sollte man sich so schnell es geht trennen. Ich selber habe dafür mehrere Jahrzehnte benötigt, um zu dieser Einsicht zu kommen. Mittlerweile schaffe ich es wirklich, Bücher einfach zur Seite zu geben. Allenfalls bekommen sie noch eine zweite Chance, mehr aber nicht. Bei so vielen guten Büchern die es gibt, muss man seien Lebenszeit nicht mit Werken verschwenden, die einem nicht gefallen. Und wenn man unbedingt das Ende erfahren will, kann man auch dorthin springen. Persönlich mache ich das allerdings nicht, denn wenn ich mit einem Buch nicht warm werde, interessiert mich das Ende gar nicht.

Die gedruckten Exemplare, die ich zur Seite gelegt habe, verschwinden bei mir einfach im Regal oder werden in besonderen Fällen verschenkt. Bei den digitalen Ausgaben kann man sich das Leben leicht machen, in dem man die Datei einfach löscht. Eine besonders gute Idee ist das allerdings nicht, denn dadurch verliert man die Chance, daraus zu lernen. Anfang der Woche entschied ich mich daher, auf meinem Lesegerät eine neue Kategorie einzuführen, den „Lesefriedhof“. Dorthin wandern alle Bücher, die ich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr zu Ende lesen werde. Platz genug, um mir diese Art von Luxus zu leisten, ist auf dem Reader (der in meinem Fall derzeit ein iPad mini ist) auf jeden Fall.

Der Lesefriedhof soll mir künftig helfen, ein Bild davon zu bekommen, welche Bücher mir nicht liegen. Vielleicht finde ich sogar heraus, woran es liegt und erkenne ein gemeinsames Muster in den Büchern.

4 Replies to “Ein Platz für tote Bücher”

  1. Ein Artikel, der auch meine Leser-Karriere ganz gut beschreibt, außer, dass ich um SF immer einen großen Bogen gemacht habe. Über die Jahre bin ich zu der Erkenntnis gelangt, dass mich nichts verpflichtet, Bücher zu lesen, die mich nicht fesseln (das war mal anders, als ich noch rezensiert habe). Richtig ist auch, dass Bücher, bei denen man sich durch die ersten 100 Seiten quält, hintenheraus nicht besser werden. Mit einer einzigen Ausnahme: „Der Name der Rose“ nahm erst etwa ab Seite 90 Fahrt auf. Die berühmte Ausnahme, die die Regel bestätigt.

    1. Bei mir war es so, dass ich um Krimis immer einen großen Bogen gemacht habe. Bis ich selber anfing, welche zu schreiben und feststellte, wie viel mir bis dahin entgangen war.

      Bei „Der Name der Rose“ fällt mir das Zitat eines ehemaligen Mitschülers aus dem Deutsch LK ein: „Gibt es das Buch auch auf Video?“ – ich hab nur den Film gesehen, mit dem Buch bin ich immer gescheitert.

  2. An der Erkenntnis, dass man das Lesen eines Buches auch vor der letzten Seite abschließen kann, arbeite ich noch. Früher konnte ich das gar nicht. Und nur aus diesem Grund habe ich damals Uwe Johnsons „Mutmassungen über Jakob“ ganz gelesen, obwohl das echt Arbeit war. Inzwischen traue ich mich auch schon ab und zu, muss mir aber noch das schlechte Gewissen dabei abgewöhnen. Allerdings habe ich auch noch eine Ausnahme von Regel zwei. Bei Tschingis Aitmatows „Ein Tag länger als ein Leben“ habe ich mich durch die ersten 100 Seiten gequält und die restlichen 400 verschlungen.

  3. Oh was für ein schönes Thema! Und Parallelen natürlich auch. Mir fällt dazu so viel ein, dass ich schon das Thema für mein nächstes Blogpost habe. Herrlich, denn über Bücher kann man soooo viel sagen. Und ja, ich lege auch welche weg, ohne das Ende zu kennen. Stimmt, das Ende interessiert mich auch nicht wenn schon der Rest viel zu langweilig ist. @Susanne: Wenn du als Rezensentin alles gelesen hast, dann bist du genau so ein Nerd wie ich: Gib dem Autoren jede Chance, du kannst es am Schluss immer noch zerreißen. Ich habe allerdings auch schonmal ein Buch zerlegt, das meine Redakteurin ganz toll fand. Aber das ist ja das Spannende an Rezensionen. Wenn alle einer Meinung wären, gäbe es nicht diese wunderbare Vielfalt auf dem Buchmarkt.

    READ ON und danke, Thmas, nochmal für dieses schöne Thema und die Inspiration.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren