Zwei Ohren

Mit dem auf andere hören ist so eine Sache. Mühsam versuchen einem die Eltern es in der Kindheit beizubringen. Dann kommt in der Pubertät nicht nur die Trotzphase, sondern auch die Erkenntnis, zwei Ohren zu besitzen. Wenn man etwas gesagt bekommt, geht es ins eine Ohr rein und am anderen wieder raus. Eine Verarbeitung im Zentralprozessor dazwischen findet nicht statt.

inselfuehrer

Später, wenn man erwachsen ist, leistet man sich den Luxus, gelegentlich nicht auf andere zu hören. In den meisten Fällen hört man auf Ratschläge, nur um es am nächsten Tag anders zu machen. Man hat gelernt, zunächst Zustimmung zu simulieren – aber das wäre ein ganz anderes Thema.

Was mich wundert und warum ich überhaupt auf die Idee gekommen bin, so anzufangen, ist der Umstand, dass wir gelegentlich nicht mal mehr auf uns selber hören. Zumindest geht es mir gelegentlich so. Vor rund einem halben Jahr schrieb ich anhand einer Leseprobe zu „Er ist wieder da von Timur Vermes meine Gedanken zu dem Buch auf. Meine Erkenntnis damals: kein lesenswertes Buch. Dummerweise tummelte es sich eine ganze Zeit lang (bis es von einem ebenso qualitativ hochwertigen Buch namens „Inferno“ verdrängt wurde) auf Platz eins der Spiegel Bestseller Liste.

Eigentlich hätte ich es ja wissen müssen. Platz eins auf der Liste heisst nur, dass sich das Buch gut verkauft. Ein Grund dafür kann auch sein, dass seine Größe oder sein Gewicht ideal sind, um bestimmte Problem im Haushalt (Türstopper, wackelnder Tisch etc.) zu lösen. Über die Qualität sagt die Liste nichts aus. Trotzdem wurde ich neugierig. Ignorierte mein eigenes damaliges Urteil, sah weg bei Dennis Scheck, der das Buch mit folgenden Worten kommentierte:

Leider bleibt der Humor pubertär, die politische Phantasie bräsig, der erhobene Zeigefinger allgegenwärtig. Unterm Strich ist dieses Buch ein Produkt eben jener zynischen Medienindustrie, die es vermeintlicht anprangert.
Quelle: Druckfrisch

Wenn man mehrfach Mitreisende mit dem Buch sieht, will man sich dennoch selber auf die Antwort machen. Überings ein Phänomen, welches mit zunehmender Verbreitung von E-Book Readern verschwinden wird, aber das nur am Rande.

Mittlerweile bereue ich, dieses Buch gelesen zu haben. Es ist unsagbar schlecht. Ein billige Masche. Mit jeder Seite, die man es weiter liesst, wird es unerträglicher. Timur Vermes arbeitet mit immer dem gleichen Muster, von Kapitel zu Kapitel. Nimmt etwas, was ihn anscheinend aufgefallen ist und wendet eine vermeintliche Hitlersichtweise darauf an. Lustig sind die flache „Witze“ wie dieser nicht:

[…] selbts unsere Bewegung musste sich 1934 ihre SA abstoßen, eine üble, doch notwendige Sache, bei der wir uns sicher nicht mit Ruhm bleckert hatten, aber immerhin mit Röhm.
Vermes, Timur. „Er ist wieder da.“

Wer über so etwas lacht, lacht auch bei Mario Barth und erfreut sich an Büchern wie „Hummeldumm“.

Das Hitler auf der Suche nach Rasierklingen in die Drogerien von Herrn Rossmann und Herrn Schlecker geht und bei letzterem der Zustand dieser Filiale kommentiert wird mit „…dessen reichlich verwahrlost wirkendes Geschäft…“ beleidigt aufgeklärten Leser. Vermes tummelt sich auf Allgemeinplätzen, weil ihm über weite Strecken nichts originelles eingefallen zu sein scheint.

Zieht man vom Roman das „Hitler-Sprech“ ab, bleibt eine so dürftige Handlung über, dass es selbst Grundschüler bei der Nacherzählung unterfordern würde. Stellen, an denen es spannend werden könnte, vermeidet Vermes. So drückt er sich ganz bewusst um eine Konfrontation mit der jüdischen Großmutter von Fräulein Krömeier, der Sekretärin von Adolf Hitler im Buch. Vermes handelt das in ein paar Nebensätzen ab, verzichtet drauf, die Szene zu zeigen.

Dafür „gönnt“ er dem Leser dann folgende Erkenntnis seiner Figur:

Und Autobahnen bauten nach wie vor polnische, weißrussische, ukrainische und andere Fremdarbeiter, zu Löhnen, die für das Reich rentabler gewesen wären als jeder Krieg. Hätte ich damals gewusst, wie billig der Pole zu haben ist, ich hätte das Land genauso gut überspringen können.
Vermes, Timur. „Er ist wieder da.“

Das Ende des Buches wirkt weniger offen als lustlos. Hitler, zusammengeschlagen von Neonazis, die ihn als „Judensau“ bezeichneten, wacht im Krankenhaus auf und bekommt Anrufe aus allen Parteien, die ihm ihre Solidarität versichern – und zum Eintritt überreden wollen. Besonders Vergnügen scheint es Vermes zu bereiten, sich dabei an den Grünen abzuarbeiten. Nein, dies Buch muss man wirklich nicht lesen. Aber wusste ich schon vorher.

Damit ist das Thema „Er ist wieder da“ für mich erledigt. Endgültig. Wobei. Nicht ganz. Manchmal gibt es merkwürdige Zufälle im Leben. Letzte Woche, als ich das Buch endlich zu Ende gelesen hatte, stieß ich auf eine Ausstellung in der Galerie Kunstwerk Nippes: InselFührerER ist wieder da – wieder hier?! Eine Performance-Fotografie von Alfred Särchinger.

Die beeindruckenden schwarz-weiß Fotos entstanden 1991 auf Ibiza. Ebenso wie der Titel. Das Werk von Achim Duchow und Alfred Särchinger ist sowohl älter als auch erheblich besser. Sich anhand der Fotos mit der Thematik auseinander zu setzen, erweitert in jedem Fall den eigenen Blickwinkel. Die Ausstellung kann ich in jedem nur empfehlen. Wenn man diese mit dem Buch vom Timur Vermes, vergleicht, muss man zu dem Schluss kommen, dass es Vermes nicht um eine Auseinandersetzung mit dem Thema geht, sondern er lediglich Adolf Hitler als billigen Effekt verwendet, um ein schwache Idee zu verkaufen – was ihm wohl leider auch gelungen ist.

Kommentar verfassen