Mobiles schreiben

Als Warnung vorweg, ich muss etwas ausholen (als noch mehr als sonst) um zum eigentlichen Thema zu gelangen. Fangen wir an mit meinem allersten NaNoWriMo 2010. Mein Krimi schrieb ich damals sowohl zu Hause als auch unterwegs, um einfach mehr Zeit zur Verfügung zu haben. Während zu Hause der Text auf dem Rechner mit Scrivener geschrieben wurde, tippte ich im Zug auf meinem iPhone mit einem Programm namens „Notebooks“. Dank Dropbox und Sychronisierungsfunktion von Scrivener war ein kontinuierliches arbeiten am Text möglich. Zudem hatte Notebooks bereits Ende 2010 einen permanent sichtbaren Wortzähler. Allerdings schlich sich bei mir das Gefühl ein, mit dem iPhone nicht das optimale Schreibgerät für unterwegs zu haben.

Im NaNoWriMo 2011 wählte ich dann einen anderen Weg. Auf dem Mac tippte ich wieder mit Scrivener, im Zug allerdings wurde alles handschriftlich in einem Notizbuch erfasst. Die Schreibgeschwindigkeit war naturgemäß höher und auch ohne Wortzähler bekam ich nach ein paar Tagen ein Gefühl, wie viele Wörter auf einer Seite standen. Das lag vor allem daran, dass ich alles handgeschrieben täglich abschrieb und so mit dem restlichen Text in Scrivener verband. Der Zeitgewinn schmolz so dahin, zudem tat mir die Kopfbewegung beim abschrieben nicht besonders gut.

In wenigen Wochen beginnt der NaNoWriMo 2012. Höchste Zeit für mich, mir Gedanken zu machen, wie ich diesmal vorgehen möchte. Das ich den Roman zu Hause mit Scrivener schreiben werde, steht bereits fest – es gibt für mich derzeit kein besseres Programm für Autoren. Das Problem der mobilen Texterfassung beschäftigte mich seit Wochen. Letzten Freitag fiel dann die Entscheidung zugunsten eines iPads. Handschriftlich ist zwar schön nostalgisch, aber ein verschwenderischer Umgang mit der knappen Resource Zeit. Mit einem iPad alleine ist es allerdings noch nicht getan. Für das mobile Schreiben musste als eine passende Applikation her. Scrivener selber gibt es (noch) nicht für das iPad, denn das wäre die erste Wahl gewesen.

Meine Ansprüche was so eine App angeht, sind nicht besonders hoch. Im Wesentlichen sind mir zwei Punkte wichtig:

  • Ständige anzeige der Wortzahl
  • Speicherung in der Dropbox und damit Synchronisierung mit Scrivener

Im App-Store werden einem seitenweise Programme unter dem Stichwort „writing“ aufgelistet. Daraus das passende zu finden, erfordert viel Geduld. Nicht immer sind die Bildschirmfotos aussagekräftig, oft fehlen auch die entscheidenden Hinweise. Bei Programmen, die in die engere Auswahl kommen, muss man daher in den sauren Apfel beissen und sie kaufen, da es in der Regel keine Demoversionen im App-Store gibt. Zum Glück sind die Preis sehr moderat, denn ansonsten würde das ganze Vorhaben, mobil auf dem iPad zu schreiben, relativ schnell ende.

Gekauft habe ich mir letztendlich vier Apps:

Fangen wir mit der für mich größten Enttäuschung an. Index Card sieht zwar verdammt gut aus und es macht richtig Spaß, so wie in Scrivener mit den Karteikarten zu arbeiten, aber die Sychronisierung geht so in der Form nicht. Es werden keine einzelnen Text-Dateien mit Scrivener synchronisiert, sondern das Indexcard-Format, welches sich mit Scrivener versteht. Dazu muss man in Scrivener extra eine „Collection“ anlegen, da keine Unterordner unterstützt werden. Beim schreiben selber, wenn man das so genannte Longtextfeld für die Arbeit am Kapitel nutzt, steht einem zwar ein Wortzähler zur Verfügung, aber nur ein sehr kleiner Eingabebereich für den Text, wenn man das iPad im Querformat nutzt. Die GUI ist in dieser Hinsicht nicht wirklich durchdacht.

Das hochgelobte Byword glänzt mit seiner Unaufdringlichkeit. Ablenkungsfreies schreiben. Soweit ganz gut, aber der Wortzähler teilt sich den Platz mit den zusätzlichen Funktionstasten, die über der virtuellen Tastatur eingeblendet werden. Man kann sich also überlegen, ob man seine Wortzahl sehen will oder einen Kurzzugriff auf Anführungsstriche oder andere Zeichen benötigt. Gefallen hat mir an Byword dagegen der stille Abgleich im Hintergrund mit Dropbox. Der sich wohltuend von der Art unterscheidet, wie das in Writings gelöst ist. Bei Byword reicht es aus, die App einmal mit Dropbox zu verbinden. Bei Writings muss das für jedes Projekt (Workspace) erneut vorgenommen werden. Das mag aus Sicht des Entwicklers zwar sinnvoll sein, praktisch ist es aber nicht. Zudem synchronisiert Writings nicht von alleine, sondern der Vorgang muss manuell angestoßen werden. Die Anzeige der Wortzahl ist gut gelöst, auch der optische Eindruck, den die App hinterlässt, ist positiv. Je länger man jedoch mit einer App arbeitet, desto stärker wird einem bewusst, was noch fehlt.

In Scrivener mach ich häufigen Gebrauch von Anmerkungen im Text. Das habe ich mir letztes Jahr angewöhnt, da die Inline-Anmerkungen schneller eingeben sind – zudem besteht die Möglichkeit, Anmerkungstext mit bei der Wortzahl zu berücksichtigen. Jedenfalls, um es an dieser Stelle etwas abzukürzen: in einem reinen Textdokument werden Inline-Anmerkungen und -Fußnoten auch angezeigt. Sie sind dann entsprechen mit einer doppelten runden bzw. geschweiften Klammer umschlossen. Importiert man einen Text in Scrivener, der Text mit diesen Klammer hat, wir er entsprechend korrekt als Anmerkung oder Fußnote angezeigt. Daher will man dann auch im Textprogramm auf dem iPad Klammern setzen. Mit Writings ist aber nicht möglich, eine doppelte Klammer zu setzen über die entsprechende Funktionstaste. Möglichkeiten, Writings über die spärlichen Optionen hinaus zu konfigurieren, habe ich bisher nicht gefunden.

Kommen wir zum Gewinner meines Evaluation: Notebooks. Genau das Programm, was ich 2010 schon auf dem iPhone genutzte hatte, gibt es auch als iPad-Version. Die Synchronisierung lässt sich individuell anpassen, den Wortzähler gibt es nach wie vor. Notebooks gewinnt vielleicht keinen Preis für eine besonders hübsche Oberfläche, aber die App funktioniert genau so, wie ich es erwarte. Zudem lassen sich die Sondertasten frei konfigurieren. So konnte ich die doppelten Klammer direkt hinterlegen, um sofort darin eine Anmerkung oder Fußnote zu schreiben.

Fazit: Manchmal muss man Umweg gehen, um dann doch zu dem zu gelangen, was man seit über zwei Jahren kennt und nutzt.

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