Wohin mit der Leiche

Als Krimi-Autor teilt man zwar nicht unbedingt das Schicksal mit seinen Figuren, aber steht wie die Mörder in der Geschichte vor dem selben Problem: Wohin mit der Leiche?

Schließlich muss man als Autor wissen, was die Figuren mit dem toten Körper machen noch bevor sie es selber wissen. Das ist mitunter schwer als man sich das als Leserin bzw. Leser vorstellt. Nehmen wir ein aktuelles Beispiel aus meiner Bioladen-Geschichte. In der Wohnung der Hauptfigur (Protagonist finde ich in Bezug auf einen Mörder etwas fehl am Platz und Antagonist passt auch nicht, denn es gibt in der Geschichte nur eine Figur) befindet sich die Leiche seiner toten Ehefrau, die er beim Aufhängen der Gardinen von der Leiter gestürzt hat. Da der Sturz nicht ganz so unglücklich war wie er sich das erhofft hatte, kam er nicht umhin, mit einem Blumentopf noch etwas nachzuhelfen. Das vorläufige Endergebnis liegt jetzt auf dem teuren Perserteppich und ist dabei, diesen unwiderruflich zu ruinieren.

Auch um seinen Kopf erstmal frei zu bekommen, verlässt unser frisch gebackener Witwer die Wohnung, doch sein Problem wird er dadurch natürlich nicht los. Irgendwie muss er die Leiche seiner Frau beseitigen. Als Autor hat man jetzt genau das Problem am Hals. Wohin damit, ohne das die Leser sofort mit dem Finger auf einen zeigen und lauthals rufen, wie unglaubwürdig das doch sei. Wobei Unglaubwürdigkeit noch wesentlich leichter zu ertragen ist wie mangelnde Originalität und Anleihen bei anderen Autoren.

Wer als Autor ernsthaft versucht, Leichen in Kunstwerken oder frischem Beton verschwinden zu lassen, sollte besser mit dem Schreiben aufhören – diese Art der Entsorgung so alt, dass die Bartwickelmaschine im Keller mittlerweile verroste ist. Freche Seitenhiebe und platter Klamauk helfen allerdings nicht dabei, die arme Frau aus dem Wohnzimmer unter den Teppich zu kehren (auch wenn diese Methode gerade wieder an Aktualität gewonnen hat, so ist sie gänzlich ungeeignet).

Also noch Mal, wohin mit der Leiche? Sie im Keller zu Entsorgen, wird in einem Mietshaus nicht ganz so einfach sein. Die Örtlichkeiten bringen auch mehr neugierige Nachbarn mit sich, als dem Mörder lieb ist. Es gibt daher nur zwei Möglichkeiten, die Leiche aus der Wohnung zu schaffen. Entweder in einem Stück, was eine entsprechend große Transportmöglichkeit voraussetzt, oder in handlichen Stücken. Letzteres setzt eine sehr abgebrühte Figur voraus, die auch noch zu allem Übel eine ziemliche Sauerei in der Wohnung veranstalten wird. Im Hinblick auf den Transport der Leiche an einem Stück sind potentielle Mörder überings gut beraten, wenn sie eine kleine Frau heiraten. Jemand mit einer Körpergröße von sagen wir mal 1,57 Meter bereitet wesentlich weniger Probleme als eine Leiche, die 1,82 Meter groß ist (bzw. war).

Für mich liegt in der Körpergröße der Schlüssel. Erstens erklärt das die Leiter (beim Aufhängen der Gardinen) und Zweitens kann man die Leiche besser irgendwo drin die Treppen runter zum Kofferraum wuchten. Wo die Leiche, wenn sie einmal aus der Wohnung ist, entsorgt wird, kann getrost vernachlässigt werden – zumindest in meiner Geschichte.

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