Übersetzungen bei Brettspielen

Übersetzungen bei Brettspielen

Bei Brettspielen sind Übersetzungen ein heikles Thema. Eine misslungene lokalisierte Fassung kann den Erfolg eines Spieles ruinieren.

Beipackzettel bei Brettspielen

Inspiriert wurde ich zum heuten Artikel von einer Rezension zu „Welcome to…“, über die ich mich geärgert habe. Nicht weil das Spiel schlecht besprochen worden wäre, sondern weil sich darin dieser befindet:

Dazu kommt noch, dass eine komplette Regel einfach fehlt, die schon spielentscheidend sein kann. Wer kein Problem mit der englischen Anleitung hat, sollte vielleicht bevorzugt zu dieser greifen.
Quelle: Brettspiel Runde

Erwartet hätte ich jetzt hier, dass man Roß und Reiter beziehungsweise die Regel, welche fehlt, auch nennt. Darauf wurde aber aus mir unbekannten Gründen verzichtet. Ist aber kein Problem, denn ich habe mittlerweile das Spiel selber in der deutschen Version und dazu auch die englischen Regeln zum Vergleich herangezogen.
Besonders gut für meinen Blutdruck war dies allerdings nicht. Dem Übersetzer ins Deutsche, Jürgen Bartelheimer möchte ich nichts unterstellen. Auch nicht, dass er gerne und viel Brettspiele spielt. So ein Spiel wie „Welcome to..“ ist leider kein Flug über Donau und Schwäbische Alb. Man merkt den übersetzten Regeln leider an, mit wie wenig Sensibilität für die Materie hier ans Werk gegangen wurde. Selbst mit den englischen Regeln versteht man mit mittelmäßigen Schulenglisch-Kenntnissen mehr als bei der deutschen Fassung.

Falsche Übersetzungen
Falsche Übersetzungen

Gut gemeinte Übersetzungen

Es gibt diesen sehr hässlichen Ausspruch. Das Gegenteil von gut gemacht sein gut gemeint. Bei manchen Übersetzungen trifft dies leider zu. Und zu denen gehört das, was mit den Spielregeln von „Welcome to…“ passiert ist.
Übersetzungen, die sich zu frei vom Original entfernen oder aber versuchen, sprachlich besser zu sein als das Original, drohen immer zu scheitern. Genau so wie Übersetzungen, die verkrampft versuchen, verdampft die weibliche und männliche Form in den Spielregeln zu berücksichtigen. Den Hinweis

Wir wenden uns, in diesen Spielregeln, natürlich immer zugleich an Spielerinnen und Spieler, oder Architekten/innen! Um die Lektüre nicht unnötig zu erschweren, haben wir darauf verzichtet, dies immer durch die weibliche UND männliche Form zu betonen.

Gibt es so nicht in der englischen Fassung der Spielregeln von „Welcome to…“. Damit kann man sich abfinden. Weniger gut finde ich jedoch, dass unnötig eine neue Bezeichnung parallel eingeführt wurde, die es im Original nicht gibt: Architekt
Nur, um nicht laufend Spieler (oder Spieler) zu schreiben. Mal ganz ehrlich, eine Spielregel ist kein Prosa-Werk, sondern ein Text, der eine Funktion erfüllt. Worthäufungen sind sogar hilfreich, denn sie dienen dem Verständnis.

Regelprosa vermeiden

Manche der Übersetzungen kann man in die Schublade mit dem Etikett „Stielblüten“ packen. Andere sind verwirrend. Ein Beispiel aus der Solo-Variante:

Die Baukarten mischen und 2 identische Stapel bilden. Versteckt die Solo-Karte in einem der beiden und legt diese dann unter dem anderen.

Fast möchte man herzlich lachen. Im Original lautet der Abschnitt wie folgt:

Shuffle the Construction cards, effect side face up and randomly deal out two equal stacks. Shuffle the Solo card into one of these two stacks, then place this stack under the other without shuffling again.

Ja, hier steht drei Mal „shuffle“, also „mischen“ im Deutschen. So what? Der Begriff „mischen“ ist klar und verständlich, „verstecken“ ist an dieser Stelle einfach nur Blödsinn. Das kommt dabei raus, wenn man Wortwiederholung vermeiden will. In der Prosa häufig angebracht, in Spielregeln eher nicht, wie man sieht.

Der fehlende Satz

Wenn ich Übersetzungen beziehungsweise die Übersetzung von „Welcome to…“ kritisiere, komme ich aus der Nummer natürlich nicht raus, ohne explizit auf das einzugehen, was tatsächlich fehlt und woanders unterschlagen wurde. In der deutschen Fassung auf Seite 8 bei den Siedlungsplänen fehlt im Hinweis der folgende Satz:

The first player who completes a goal can choose to reshuffle the 81 Construction cards and deal three new stacks of cards as in game setup.

Zu Deutsch, der Stapel mit den Baukarten kann vom ersten Spieler, der die Bedingungen einer Baukarte vollständig erfüllt, komplett neu gemischt werden. Da dieses Mischen nur optional ist, ist sie wohl eher nicht so spielentscheidend, wie es die Brettspiel Runde behauptet.
Im Übrigen: Sowohl in der englischen als deutsche Regel ist ein Fehler beim Kreisverkehr (Seite 11) enthalten. Der zweite Kreisel kostet 8 Punkte, wie man auf dem Spielblock unschwer erkennen kann.
Bei Übersetzungen sollte man sich halt auch mit dem Spielmaterial beschäftigen. Vielleicht sogar, auch wenn es wie eine Zumutung erscheint, das Spiel selber spielen, möglicherweise versuchen, es an Hand der übersetzten Regeln zu erklären.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren