Selbstaufgabe des Pünktlichkeitsziels

Selbstaufgabe des Pünktlichkeitsziels

Selbsteinsicht sei der erste Schritt zu Besserung heisst es. Ob die Aufgabe des Pünktlichkeitsziels der Bahn in diesem Licht zu sehen ist, erscheint allerdings fraglich.

Schuld sind die Umstände

Zunächst muss etwas relativiert werden. Wenn es um die Aufgabe des Pünktlichkeitsziels der Bahn geht, dann ist damit ihr selbstgesetztes Ziel für 2017 gemeint. Kurz vor Ende des laufenden Jahres einzugestehen, dass man gescheitert ist, kann man machen. Insbesondere dann, wenn die Fakten sich bei besten Willen nicht mehr schön reden lassen. Schuld daran, dass es mit der Pünktlichkeit nicht so geklappt hat, sind selbstverständlich hauptsächlich die anderen. Und niedrige Umstände. Für Sturmschäden und trödelnden Zugreisende kann die Bahn genau so wenig wie für Personen im Gleis. Die Wahrheit ist hier freilich etwas komplexer. Abgesehen davon ist so ein Pünktlichkeitsziel auch etwas fraglich. Wenn 80 Prozent aller Züge pünktlich sein sollen und eine Verspätung erst ab fünf Minuten zählt, hat man als Konzern im Prinzip nämlich viel Luft. Warum? Als Laie würde ich mal behaupten, dass bei der Definition des Pünktlichkeitsziels ein Durchschnittswert angesetzt wird.
Pendler ahnen, was das bedeutet. Meiner Meinung nach gibt es mit Sicherheit Zeitfenster zu Stoßzeiten, wo es um die Pünktlichkeit schlechter bestellt ist als außerhalb dieser Zeitfenster. Als Pendler auf der Strecke Köln — Essen nützen mir 80 Prozent pünktliche Züge wenig, wenn das Ergebnis durch die Züge zustande kommt, die zwischen 9 und 17 Uhr fahren. Mit Sicherheit bin ich da auch kein Einzelfall.

Sinn des Pünktlichkeitsziels
MichaelGaida / Pixabay

Sinn des Pünktlichkeitsziels

Den Sinn eines Pünktlichkeitsziels kann man deshalb schon mal grundsätzlich in Frag stellen. Aber darum soll es in erster Line gar nicht gehen. Wiederum nur aus der Sicht des Laien und einer Person, die von den Verspätungen betroffen ist, tippe ich als Hauptursache für die Verspätungen bei der Bahn auf die zahlreichen Baustellen. Hinzu kommen noch Züge, die nicht immer den Stand der Technik entsprechen. Nimmt man noch die Bahnhöfe mit da zu, entsteht teilweise der Eindruck eines maroden Unternehmens. Wie bereits erwähnt, meine persönliche Sicht.
Nehmen wir doch mal die Erfahrungen der letzten drei Tage. Dienstag morgen las ich in der Süddeutsche Zeitung noch eine Interview mit dem neuen Bahnchef Richard Lutz. Der hinterließ bei mir einen äußerst sympathischen Eindruck, deutlich anders als seien Vorgänger. Zum einen, weil er den Konzern schon lange kennt, den er ist seit 1994 für den Konzern tätig. Das er wirklich ein Eisenbahner ist und nicht von außen fachfremd dazu gestoßen ist, zeigt auch seine Herkunft. Sein Vater arbeitete in einem Ausbesserungswerk, seine Mutter war Sekretärin bei der Bahn. Ob Stallgeruch unbedingt besser oder hilfreicher ist, steht auf einem anderen Blatt.

Positive Grundstimmung

Jedenfalls, ich machte mich dann mit einer positiven Grundstimmung am Dienstag auf den Weg zur Arbeit. Den Artikel über die Aufgabe des Pünktlichkeitsziels hatte ich da noch nicht gelesen. Auch ahnte ich noch nicht, was auf mich zukommen würde. Ohne Angabe von Gründen sollte der ICE 616 an diesem Morgen nämlich weder in Essen noch Dortmund halten. Man wurde gebeten, in Duisburg umzusteigen. Tat ich dann auch. Dort traf mich dann aber ein Schock — der Bahnhof ist in einem extrem desolaten Zustand. Zerbrochenen Scheiben, Scheiben, die mit Paketband geklebt wurden. Dazu war der Bahnsteig selber eine Katastrophe. Es regnete durch zahlreiche Löcher im Dach durch, die Bodenplatten krumm und schief.
Gestern Morgen hatte die S-Bahn von Nippes zum Hauptbahnhof in Köln 15 Minuten Verspätung. Gerade mal so erreichte ich den 616. Zum Glück, denn mein Backup, den ICE nach Berlin, hätte es nicht gegeben. Zum einen, weil dieser schon seit ein paar Wochen durch einen IC ersetzt wurde (ohne Angaben von Gründen), zum anderen, weil er, ebenfalls ohne Angabe von Gründen, gestern erst ab Düsseldorf fuhr.
Heute Morgen fuhr dann der 616 lediglich einteilig ab Köln. Sportlich für die Menge Pendler, die sich sonst auf zwei Zugteile verteilen. Selbstverständlich gäbe es erneut keine Begründung. In allen drei Fällen geht es gar nicht um die Erreichung eines Pünktlichkeitsziels, sondern vor allem um Kommunikation mit den Kunden. Und die Rückfahrten habe ich hier noch gar nicht erwähnt.
Meiner Meinung nach hat die Bahn eine ganze Menge Aufgaben zu stemmen, um fit und konkurrenzfähig zu werden beziehungsweise zu bleiben.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren