Nationalhymne der Gurkentruppe

Nationalhymne der Gurkentruppe

Ehrlich gesagt kann ich mit Fußball nach wie vor nichts anfangen. Mit der Nationalhymne ging es mir lange Zeit ebenso. Während beim Fußball reines Desinteresse die Ursache ist, sieht es bei der Hymne deutlich vielschichtiger aus.

Der alte Reflex

Meine Probleme mit der Nationalhymne geht zurück auf die eigene „Sturm & Drang“-Zeit. Ein linker Reflex, alles abzulehnen, was auch nur den Anschein erweckt national zu sein. Denn Nation ist genau so Pfui wie Bundeswehr und Kapitalismus. Wenn man jung ist, verkürzt man die Sicht auf die Welt.
Manche von uns bleiben allerdings genau in diesem Stadium stecken. Dabei ist es wichtig, von Zeit zu Zeit seine eigenen Positionen zu hinterfragen.

Nationalhymne als Mythos
FlyerBine / Pixabay

Sehnsucht nach Einheit

Über die Nationalhymne sollte man diskutieren, wenn man sich zuvor mit ihrer Geschichte auseinander gesetzt hat. Das schließt insbesondere auch den Kontext um die Entstehung von „Das Lied der Deutschen“ ein. Verkürzt wird in dem Werk von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben die Sehnsucht nach einem geeinten Vaterland zum Ausdruck gebracht. Ein Land, das erst 30 Jahre nach Entstehung des Liedes Wirklichkeit wurde.
Man sollte sich mit der Geschichte Europas beschäftigen, dann wird man die Zusammenhänge und den Kontext besser verstehen.

Falscher Reflex

Selbstverständlich erlebte „Das Lied der Deutschen“ Höhen und Tiefen. Es ist auch richtig, dass lediglich die dritte Strophe zu Nationalhymne wurde. Sie einfach nur abzulehnen aus einem Reflex heraus halte ich für falsch. Was wurde denn eigentlich besungen?

Einigkeit und Recht und Freiheit

Einigkeit und Recht und Freiheit für das eigene Land. Werte, nach denen alle gemeinsam streben sollten. Für mich hört sich das nicht nationalistisch, sondern sehr demokratisch an. Ohne die drei Säulen „Einigkeit“, „Recht“ und „Freiheit“ gäbe es unser Land nicht in der bestehenden Form.

Ein Ausdruck von Verbundenheit

Die Nationalhymne zu zitieren oder zu singen ist kein Ausdruck von Revisionismus, sondern Ausdruck einer Verbundenheit zu diesem Land. Diese Land hat eine schwierige Geschichte hinter sich. Es sollte sich in seinem Namen begangenen Verbrechen stets bewusst sein. Genau so bewusst sein sollte man sich jedoch, für was Deutschland auch stehen kann. Nämlich für das, was wir draus machen. Es ist ein demokratischer Staat, eingebunden in Europa, umgeben von Freunden.
Solange Deutschland nicht in einem vereinten Europa aufgegangen ist, hat dieses Land wie andere Länder auch eine Nationalhymne.

Die Nationalhymne gehört dazu

Aus diesem blöden, alten Reflex heraus war ich natürlich erstmal empört. Empört über die Forderung von FDP-Chef Lindner, der Fußballnationalspieler Mesut Özil solle doch bitte die Nationalhymne singen. Nach einmal darüber schlafen sieht es jedoch anders aus. Im Kern hat Lindner nämlich recht, auch wenn er bei der Formulierung etwas feinfühliger hätte sein können.
Wer für die deutsche Fußballnationalmannschaft spielt, von dem kann man nicht nur ein Bekenntnis zu diesem Land und seinen Werten verlangen, sondern eben auch das Singen der Hymne bei entsprechend Anlässen.

Bashing weil immer so

Wenn ich dem Kirchenchor beitrete, gehört das Mitsingen dazu. Die Fußballnationalmannschaft ist kein beliebiger Verein, sondern repräsentiert unser Land. So viel weiß sogar ich als jemand, der wie gesagt mit Fußball nichts anfangen kann. Christian Lindner brachte nur zum Ausdruck, was selbstverständlich sein sollte.
Das er dafür mit Häme überschüttet wird, hat weder er noch die Sache verdient. Den eigentlich wird hier nur ein FDP und Lindner-Bashing betrieben, weil man das halt so macht, in linken Kreisen. Selbst wenn jemand Recht hat, ist man dagegen. Einfach so, aus Prinzip.

4 Replies to “Nationalhymne der Gurkentruppe”

  1. „Wenn ich dem Kirchenchor beitrete, gehört das Mitsingen dazu.“
    Ganz genau so ist es, tolles Beispiel. Er ist nämlich in einer Fußballmannschaft, da gehört das Fußballspielen dazu, nicht das Singen. Und selbstverständlich repräsentiert er das Land, für das er spielt. Er trägt den Adler auf der Brust.

    1. Verdammt, mir war das schon beim schreiben klar, dass der Vergleich nicht passt. Also besser: wer im Kirchenchor ist, kann sich vor Auftritten in Kirchen nicht drücken.
      Mir ist einfach nicht begreiflich, warum er die Nationalhymne nicht mitsingt.

    2. Dann fragen wir ihn doch mal selbst:
      „Zum einen konzentriere ich mich in diesem Moment schon auf das Spiel. Und dann bete ich während der Hymne. Ich bete für Glück und Gesundheit, für meine Mitspieler und mich.“ (http://www.bild.de/sport/fussball/mesut-oezil-erklaert-warum-er-die-hymne-nicht-singt-12757962.bild.html)

      Auch schön Thomas Müller dazu:
      „Die Hymne geht doch über Einigkeit und Recht und Freiheit, da gehört sicher auch die Freiheit dazu, nicht zu singen. Ich habe vollen Respekt für all meine Mitspieler, die sie nicht singen wollen. Die widersetzen sich ja nicht dem Land, sondern kämpfen anschließend mit Herz und Seele für den Sieg. Warum muss daraus so ein großes Ding gemacht werden?“ (https://www.welt.de/sport/fussball/em-2016/article156143434/Zur-Freiheit-gehoert-die-Hymne-nicht-zu-singen.html)

      Ich würde die Hymne übrigens auch nicht singen. Gibt mir schlicht und ergreifend nichts und lässt mich völlig kalt.

    3. Vermutlich werde wir in der Sache selber keinen Konsens erzielen. Meiner Meinung nach spricht ja einiges dafür, der Nationalhymne zu singen. Das was du als Antwort von Mesut Özil ist in der Tat aufschlussreich. Für mich ist es eine Ausrede, keine Haltung. Eine Haltung wäre, deutlich zu sagen, dass man die Hymne für nationalistische Scheisse hält — zum Beispiel.

      Von Stefan habe ich noch einen Link zum Thema Lindner:

      https://www.fdp.de/content/lindner-interview-wettergegerbt-aus-der-apo-zurueck

      So wie es aussieht, konnte er auf die Frage zum Thema nur mit einem Ja antworten.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren