Ein Keil dazwischen

Für mich bedeutet der beginnende Herbst nicht nur das Wiederauftauchen des „Herbstgebäcks“ (Neudeutsch für Weihnachtssüßigkeiten, welche vom Handel bereits Monate vor Weihnachten zum Verkauf angeboten werden) sondern auch ein die Einsicht, welche Art Marathon vor mir liegt.

Mindestens vier Füllungen müssen neu gemacht werden, sagt mir meine neue Zahnärztin. Glaubhaft erklärte sie mir das zudem am Röntgenbild. Wenn sie so sauber arbeitet wie heute, werden das zwar immer lange Sitzungen, aber ich denke es wird sich lohnen. Karies sollte nicht unterschätzt werden und der Ausbreitung von Erregern frühzeitig entgegentreten — auch im übertragenen Sinne, aber dazu komme ich gleich noch.

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Richtig gut lief die Behandlung auch deshalb, weil ich im Mund einen Kunststoffkeil zum drauf beißen hatte. Das entspannt die Kiefermuskulatur und ist für mich eine enorme Erleichterung, wenn es darum geht den Mund so lange aufzuhalten.

Drei Begriffe aus dem heutigen Behandlungstermin lassen sich auf das, was gestern in Mecklenburg-Vorpommern passierte, übertragen. Den Mund auf machen, der Ausbreitung entgegentreten und verhindert, dass die Dumpfbacken der AfD einen Keil durch die Gesellschaft treiben. Wobei wir alle, die wir in unsere üblichen Reflexe verfallen nach so einem Wahlergebnisse, ein gutes Stück mithelfen. Rund 20,8 Prozent Stimmen für die AfD, die damit im östlichsten Bundesland vor der CDU mit ihren 19 Prozent liegt. Genau sieht das dann so aus:

  • SPD 30,6% (-5%)
  • CDU 19% (-4%)
  • Linke 13,2% (-5,2%)
  • Grüne 4,8% (-3,9%)
  • NPD 3% (-3%)

Klar kann man sich darüber freuen, dass die NPD aus dem Landtag geflogen ist. Aber dafür über 20 Prozent für eine Partei, die sich in einigen Punkten nur durch die längeren Haare ihrer Funktionäre von der NDP unterscheidet.

Die SPD hat zwar erneut die Mehrheit errungen in Mecklenburg-Vorpommern, einen wirklichen Grund zur Freude sehe ich darin aber nicht. Minus fünf Prozent sind eben auch einen Stimmenverlust. Ob die SPD nun mit dem bisherigen Koalitionspartner, der CDU zusammen regieren wird oder mit den Linken, ist letztendlich vermutlich nur eine Frage, wer mit wem gut kann. Es wird nichts an der AfD als stärkste Oppositionspartei ändern, die gehörig Sand in das politische Tagesgeschäft streuen wird.

Wenn die Wählerinnen und Wähler in dem Bundesland mit der geringsten Bevölkerungsdichte, den wenigsten Flüchtlinge aus angeblicher Angst vor eben jenen Flüchtlingen die AfD wählen, kann man sich darüber lustig machen und fordern, die Bildungspolitik, nicht aber die Flüchtlingspolitik müsse überdacht werden. Man kann aber auch versuchen, die Ängste ernst zu nehmen und die Ursachen zu erforschen.

Ich für meinen Teil weigere mich zu glauben, in Mecklenburg-Vorpommern würde ein Viertel der Bevölkerung tatsächlich rechtsradikal sein. Wer von den Inhalten der NPD überzeugt ist, wählt nicht die AfD. Die meisten von uns, mich eingeschlossen, urteilen gerne selber vorschnell über Menschen und Regionen, die sich gar nicht so genau kennen.

Aus dem was ich in den letzten Tagen über Mecklenburg-Vorpommern, insbesondere über die Regionen ganz im Osten gelesen habe, ließ mich aufhorchen. Es scheinen wirklich ganze Landstriche zu sein, wo sich Hoffnung längst verabschiedet hat. Es geht nicht wirklich um die Flüchtlingspolitik, sondern es ist (wie es „Die Ärzte“ einst besungen haben) ein Schrei nach Liebe.

Wenn wir jetzt alle diejenigen, welche die AfD gewählt haben, in die braune Kiste packen, lassen wir es zu, dass die Strategie der AfD aufgeht. Stellen wir uns den Keil vor, der da zwischen uns und den fast 22 Prozent Wählerinnen und Wähler getrieben wird. Die meisten davon sind weder für die Demokratie noch für sachliche und menschliche Politik verloren. Wir verlieren sie aber, wenn wir sie jetzt abschreiben.

Sachpolitik ist der AfD genauso fremd wie ihren Vorgängern. Erinnert sich noch jemand an „Die Republikaner?“ Und, wo stehen die heute? Genau so wird es der AfD gehen. Man muss den Mund aufmachen, sich mit ihr auseinandersetzen und auf darf auf gar keinen Fall die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern stigmatisieren. Die Politiker der anderen Parteien sind jetzt gefordert, wir als Bürgerinnen und Bürger aber genau so. Warum nicht mal Urlaub in Mecklenburg-Vorpommern machen (am besten Regionen, die nicht typische Urlaubsregionen sind), sich die Lage vor Ort anschauen und versuchen mit den Menschen dort zu reden. Viel zu erzählen haben sie, aber nur wenige, die ihnen wirklich zuhören.

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