Modus Operandi

Modus Operandi

Ihr Zappeln wurde langsam schwächer, so wie es immer war, wenn sie nur lange genug die Tüte über dem Kopf hatten. Es war seine Dritte innerhalb von zwei Wochen. Eine Steigerung, die C. so nicht bewusst war. Unten hatte sie sich gerade eingenässt, wie alle anderen. Dann erstarb jeder Widerstand. Nunmehr reglos lag die Frau am Ende der Treppenstufen in dieser kleinen Gasse. Langsam löste C. seine Handflächen von ihrem Hals. So schnell würde sie hier keiner finden. Hoffte er zumindest. In dieser Hinsicht war er bisher noch nie enttäuscht worden. C. strich die Tüte glatt, faltete sie mehrmals und steckte das Päckchen in einen Zip-Beutel. Die Kabelbinder ließ er an ihren Händen, sie waren nutzlos geworden, genau wie diese Frau. Er stand auf, betrachtete die Leiche. Sein Ekel wich der Zufriedenheit. Ein letzter Blick auf sein Werk. Sich zu verabschieden war nicht nötig. Ohne Eile ging C. durch die Gasse bis er ihr Ende erreichte und sich auf der Straße unter das langsam abschwellende Nachtleben mischte. Die Strecke zurück bis zum Hotel würde er laufen.

SplitShire / Pixabay

Wenig später. Der Spaziergang durch die Nacht hatte seinen Kopf wieder klar werden lassen, auch wenn der Zustand der Erregung noch anhielt. Sie hatte ihre Tage gehabt, da war er sich ganz sicher.

In der Dunkelheit des Hotelzimmers bewegt C. sich auf den Sessel zu, der dort irgendwo stehen musste. Stück für Stück zog er dabei seine Sachen aus. Die Stehlampe gab beim Einschalten ein klickendes Geräusch von sich. Er nahm eines der Gläser vom Tisch, holte aus der Minibar eine Wasserflasche. Vor dem Trinken gab es noch was zu erledigen. Mit einem Permanent-Stift schrieb er Datum und Ort auf den Zip-Beutel. Anschließend legte er ihn in die Minibar. Erst jetzt füllte er das Glas mit Wasser. Tief ein- und wieder ausatmend setzt er sich in den Sessel. Mit der freien Hand schaltet C. die Lampe wieder aus. Im Dunklen schmeckte Wasser einfach besser. Langsam gewöhnten sich seine Augen an die fast völlige Abwesenheit von Licht, so dass er die schemenhaften Umrisse im Zimmer erkannte. Er ließ es auf sich wirken. Nach dem Auftritt war der restliche Abend doch noch ein Erfolg gewesen. Ohne die Augen zu schließen, sah er seinen Film vor sich. C. stellt das Glas ab, drehte seine Hände hin und her. Dieses Gefühl. Es erregt ihn. Immer wieder. Wenn es doch nur anhalten würde. Noch einen kleinen Schluck. Wasser durfte man nicht verschwenden. Erschöpft ließ C. sich auf das Bett fallen.

Von seinem Harndrang wurde er wach. Durch die Vorhänge fiel bereits Licht ins Zimmer. Die Erregung des vergangenen Abends war gänzlich verschwunden. Noch etwas benommen vom Schlaf blieb er einen Moment liegen und versuchte, seine Blase unter Kontrolle zu halten. Dann stand er auf, Richtung Badezimmer. In der Dunkelheit des Badezimmers knallte der Klodeckel gegen die Wand. Im Stehen verschaffte C. sich zielsicher Erleichterung. Das war gut, so gefiel es ihm. Während das Wasser im Klo rauschte, drehte er sich um und schaltete das Licht an. C. erstarrte. Zusammen mit ihm im Raum war keine Dusche. Ausgerechnet eine Badewanne. Er presste sich die Hände auf die Augen, schüttelte den Kopf. Die Erinnerungen waren stärker. Früher wurde jeden Samstag gebadet. Das war immer so, seit er mit seiner Mutter alleine war. Erst hatte sie gebadet, dann musste er in ihr Wasser. Musste darin baden. Geld sparen, aber er fand es ekelig. Besonders alle vier Wochen, wenn noch was von ihr im Wasser war. Jetzt hatte er diese Farbe wieder deutlich vor Augen. C. stürzte aus dem Badezimmer, griff nach seinen Sachen, zog sich an. Hastig griff er nach seinem Rucksack. Er öffnete die Zimmertür und trat auf den Gang. Die üblichen Geräusche eines aufwachenden Hotels empfingen ihn. Nichts anmerken lassen. Auch wenn er es abstoßend fand, würde er ungewaschen das Hotel verlassen.

Drei Etagen tiefer, am Empfang. C. gab den Schlüssel ab, bezahlte. Ohne den Gruß zu erwidern, verließ er das Hotel. Sein Auto wartete auf ihn.

C. hatte das Radio angeschaltet, es lief Musik. Vom Parkplatz aus fuhr C. auf die Straße, gab Gas. Möglichst schnell raus aus dieser Stadt. Dann acht Uhr, Lokalnachrichten. Die Leiche einer Frau war gefunden worden.

„So früh schon“, fuhr es ihm durch den Kopf. Der wichtigste Teil war jedoch, dass die Frau auf die gleiche Weise ermordet wurde, wie eine andere. Vor ein paar Monaten. War er schon mal in dieser Stadt? Er war schon mal in dieser Stadt. C. zuckte zusammen. Eine Ampel zwang ihm zum Halten. C. umklammerte das Lenkrad bis die Fingerknöchel weiß wurden. Die Ampel war längst grün. Gleich würden ihn die vorbeigehenden Fußgänger anstarren. C. zwang sich, weiter zu fahren. Richtung Autobahn, rauf, noch schneller fahren. Wenig Verkehr. Freie Bahn. Alles hinter sich lassen. Erleichterung machte sich in ihm breit, die sich bereits nach einigen Kilometern erschöpfte. Panik hatte sich auf den Beifahrersitz gesetzt und streichelte seine Brust. In der Minibar lag immer noch die Plastiktüte. Da war dieses hässliche Geräusch von Metall auf Metall, dass zu ihm durchsickerte. Zu nah an der Leitplanke. Um ein Haar hätte er die Kontrolle über den Wagen verloren. Er musste unbedingt runter von der Autobahn, in aller Ruhe nachdenken. C. nahm die nächste Ausfahrt. Er brauchte einen Ersatz für den Verlust. Jetzt. Sofort. Mit leeren Händen nach Hause fahren. Unmöglich. Von der Autobahn ging es in den nächsten Ort, an dessen Rand eine Tankstelle lag.

Benzin. Brauchte er nicht. Dafür aber etwas Anderes. Abseits der Zapfsäulen hielt er den Wagen an. Verkauf von Reisezubehör. In gewisser Weise war es das, was er brauchte. Mit dem Gefühl, dass er beobachtet wurde schlenderte er zur Kühltheke. Er nahm sich eine Cola, von der er wusste, dass er sie nicht mochte. Später würde es eine Gelegenheit geben, sie wegzuschütten. Irgendwas zum fesseln. Ein Seil würde sich gut anfühlen in den Händen. Auf jeden Fall brauchte er ein Seil. So ein Abschleppseil wäre vermutlich geeignet. Gab es nur in einem Pannenhilfe Set zusammen mit anderem Zubehör. Der Begriff gefiel ihm, schien zu passen. Im Grunde war er auch so was wie ein Pannenhelfer. Durchsichtige Tüten gab es nicht, nur blaue Plastiksäcke. Besser als nichts, auch wenn es nicht so sein würde, wie er es mochte. Er nahm eine Rolle davon mit. Eine Kamera folgte seinem Weg durch den Laden. Sicher tat sie das. Ohne nach oben zu ihr zu blicken, bezahlte C. an der Kasse. Pickelgesicht, blödes. Wünschte ihm noch einen schönen Tag. Den müsste er sich erstmal erarbeiten. Von der Tankstelle aus fuhr er in den Ort. Keine große Sache, wie er vermutet hatte. Das Einzig mit Ausmaß schien der Supermarkt zu sein, auf dessen Parkplatz er fuhr. Zu viel Publikum. Hier würde er nur das Auto abstellen.

Plastiktüte und Seil waren ein Problem für ihn. Auffälliger als mit beidem in der Hand konnte man nicht sein. Das Seil blieb in der Verpackung des Pannenhilfe Sets, den Rest warf er in den Kofferraum. Anschließend stopfte er noch eine Mülltüte von der Rolle in die Verpackung. An der kleinen Schlaufe konnte man das Set bequem tragen. C. verließ den Parkplatz. Ziellos lief er durch die Straße, kam vorbei an einem Kindergarten, einer Schule. Nicht das richtige Alter. In Gedanken ging er die unterschiedlichen Möglichkeiten durch, bis ihm jegliche Entscheidung abgenommen wurde. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite lag ein Friseurgeschäft. Nur Damenschnitte. Frauen. Sein Puls beschleunigte sich beim überqueren der Straße. C. tat so, als würde er die Aushänge studieren. Immer wieder zog er mit den Fingern die Haut am Hals lang. Warten. Mittlerweile brannte sie schon an der Stelle. Niemand verließ den Laden. Keine Kundschaft.

Aufgeben. Kam nicht in Frage. Irgendwann musste jemand den Laden verlassen. Seine Ungeduld wuchs zusammen mit dem Drang. Dann. Eine Frau mit kurzen Haaren trat auf die Straße, schloss die Tür ab. C. folgte ihr mit Abstand. Ob sie ihre Tage hatte, war ihm mittlerweile egal.  Straße folgte Straße.  Die kurzen Haare nahmen eine Abkürzung. Industriebrache. Allein und damit war alles entschieden. C. schloss auf zur Frau, griff in seine Jacke und zog ein Portemonnaie hervor.

„Entschuldigung, haben sie das gerade verloren?“ 

Die Frau drehte sich zu ihm um, sah ihm direkt in die Augen. Ihr Nein schnitt wie ein Messer durch seinen Körper. Trotzdem gab es keinen Weg mehr zurück. Diesmal ließ er das Portemonnaie nicht fallen. Mit ganzer Kraft warf er sich direkt gegen sie, wollte sie zu Fall bringen, überwältigen. So viel Gegenwehr. Mit einer Schere hatte er nicht gerechnet. Voller Wucht traf sie seinen Oberschenkel. C. schrie. Nicht nur vor Schmerzen, sondern wegen der Farbe, die sich durch den Stoff seiner Hose auf den Boden verteilte. Das konnte, das durfte nicht sein. Weg. Nur weg. Er fing an zu rennen. Über das Gelände, ließ diese Frau, diese Bestie, hinter sich. Vor ihm ein Bahndamm. Ohne zu schauen, lief er über die Gleise. Der Regionalzug war nicht nur rot, sondern auch schnell.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren