Krieg und Honig

Krieg und Honig

Sie sah Butter im Honigglas. Dazu Honig, der von seinem Brötchen heruntertropfte. Seine Zeitung hielt er dabei so geschickt, dass der Honig nur den Tisch verschmierte. Zunächst schwieg sie, was er als Einverständnis für den Rückfall in alte Gewohnheiten sehen würde. Dabei hatten sie vereinbart, er würde im Urlaub auf das Lesen der Zeitung beim Frühstück verzichten.

Sie wollte, nein verlangte von ihm, mehr Zeit mit ihr zu verbringen. Ihn deshalb zur Rede zustellen, brachte nichts, so glaubte sie. Seine Antwort, die er dann geben würde, klang in ihrem Kopf.

„Wir verbringen doch den ganzen Urlaub zusammen. Zu zweit.“

Das ihrer Meinung nach mehr dazu gehörte, als nur nebeneinander zu frühstücken, würde er nicht einsehen. Ebensowenig wie den Umstand, das gerade an dem „zu zweit“, die Meinungen auseinander gingen.

estelheitz / Pixabay

Sie presste die Lippen aufeinander, versuchte den Ärger herunter zu schlucken. Doch er blieb liegen, genau wie die Brötchenhälfte auf ihrem Teller.

„Isst du das noch?“

Ohne ihre Antwort abzuwarten griff seine Hand nach der Brötchenhälfte und ließ sie hinter der Zeitung verschwinden. Als nächstes würde er mit seinem Messer an die Butter gehen und dort die Reste vom Honig hinterlassen.

„Kipp die Butter doch gleich zum Honig!“, platze es aus ihr heraus.

Die Zeitung senkte sich. In seinem Blick lag Überraschung ebenso wie Ärger, bei der Lektüre gestört worden zu sein. Sie war sich nicht sicher, ob sie zu weit gegangen war. Kurz davor sich zu entschuldigen, gelang es ihr, sich zu bremsen. Diesmal nicht. Diesmal wollte sie nicht wie sonst Frieden um jeden Preis, was immer gleichbedeutend damit war, nachzugeben.

Statt in anzusehen, starrte sie auf das Glas.

„Ach das, was regst du dich darüber so auf. Wenn es dir so wichtig ist, kaufen wir dir halt ein eigenes Glas.“
„Darum geht es nicht.“

Die Zeitung wurde sorgfältig gefaltet und zur Seite gelegt.

„Sondern?“
„Du meinst noch immer, alles ließe sich mit Geld lösen.“
„Immerhin verdiene ich welches.“

Ihre Augen wichen ihm nicht aus. Ein Knäul Hass lag auf ihrer Zunge und sie spie es ihm vor die Füße.

„Du, du machst doch nur das, was dir Spaß macht. Bücher immer nur Bücher. Und junge Studentinnen.“
„Niemand hat dich dazu gezwungen, außerhalb der Universität zu arbeiten.“
„Du warst doch froh darüber, als ich der Fakultät den Rücken gekehrt habe.“

Er schien zu ahnen, was sie meinte. Von ihnen beiden war sie die bessere Literaturwissenschaftlerin gewesen. Ihm dagegen gelang es, Beziehungen zu knüpfen und die richtigen Leute zu treffen. Können allein reichte nie aus. Die Freiheit, die sie haben wollte, hatte sie bekommen. Erst viel später merkte sie, zu welchem Preis. Unsicherheit, schlechte Bezahlung, Mehrarbeit. Eine Literaturwissenschaftlerin in einer Werbeagentur. Dafür fielen ihr abgegriffene Vergleiche ein.

Von der jungen Studentin wusste sie. Offen ausgesprochen würde er es bestreiten, würde ihr ins Gesicht lügen. Genau so, wie sie es getan hatte, als sie ihm getrennte Schlafzimmer vorschlug, weil sie sein Schnarchen nicht mehr ertrug. Dabei war sie es die schnarchte, wenn sie getrunken hatte.

Die Butter trübte den Honig, verunreinigte ihn. Für einen Moment sah sie ganz deutlich, was er sich mehr als zu vor wünschte. Nachwuchs. Die ganzen Anspielungen in den letzen Monaten. Besuche bei Freunden und seinen Arbeitskollegen, natürlich immer nur seine Arbeitskollegen, die längst Nachwuchs hatten. Sein verklärter Blick, wenn er eines der Bälger auf den Arm nehmen durfte. Die Unfähigkeit von ihm zu erkennen, wie sehr sie jedes Mal darunter litt. „Sie können keine Kinder bekommen.“ hatte ihr die Frauenärztin unmissverständlich, aber mit tiefen Mitgefühl gesagt. Diese Mitgefühl würde er nicht aufbringen. Er wusste nicht mal von ihrem Problem, wie sie es bei sich nannte.

Mit der Zeit waren ihre Wohnungen immer größer geworden, genauso wie der Abstand zwischen ihnen. Jede Berührung von ihm schmerzte sie. Unausgesprochene Halbsätze hatten sich zu Kommunikationsbergen aufgetürmt, in dessen verschatteten Tälern sie hausten.

Das Messer wog leicht in der Hand. Daran, wann sie es wieder vom Tisch genommen hatte, konnte sie sich nicht mehr erinnern. Etwas tropfte davon ab, Honig vielleicht, auf seine Zeitung, während er schwieg.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren