Das Lied von Monitor

Das Lied von Monitor

Der zweite Nachruf in nur wenigen Tagen. Wieder wird es ein Stück kälter, weil jemand aus unserer Mitte verschwand, der eine Bereicherung gewesen ist. Auch wenn das sicherlich nicht alle in Deutschland so sehen. Der Journalist Klaus Bendartz verstarb vorgestern nur einen Tag nach Günter Grass. Zwei sehr unterschiedliche Menschen zu Lebzeiten, keine Zusammenhang. Für Grass gab es in dieser Woche gefühlt eine halbe Süddeutsche Zeitung voll mit Artikeln. Im Falle von Klaus Bednartz war es heute ein magerer Artikel. Vielleicht ist Bednartz zu spät gestorben, zu nah am Redaktionsschluss. Oder aber es gab in seinem Fall keinen vorbereiteten Nachruf in der Schublade, wie es bei Personen der Zeitgeschichte der Fall sein soll.

Ganze 18 Jahre lang hat Bendartz die Sendung, welcher er 1983 übernahm, moderiert. Gegen die Widerstände auch aus Bayern, wo man zeitweise die mit dem Stempel „Rotfunk“ versehene Sendung nicht ausstrahlte.

Es ist der Verdienst von Klaus Bednartz und Monitor, einen nicht unwesentlichen Teil zu meiner politischen Sozialisation beigetragen zu haben. Die aufklärerische Art traf genau meinen Nerv, während der Pubertät gehörte Monitor zum Pflichtprogramm. Sollte ich mal eine Sendung verpasst haben, konnte ich sicher sein, dass mein Vater sie gesehen hatte. Und mich mitunter an doch unangenehmen Dinge erinnerte. Zum Beispiel an Spulwürmer im Matjes, just in dem Moment, nach dem ich mir von meinem Taschengeld ein Fischbrötchen gekauft und gerade zum ersten Mal herzhaft reingebissen hatte.

Bednartz war authentisch zu einer Zeit, bevor dieses Wort einen inflationären Charakter bekam. Er schaffte es auch über Monitor hinaus mit seiner ruhigen Art, Thema anzupacken und Zuschauer mitzureissen. So auch mit seiner Dokumentation „Die Ballade vom Baikalsee“. Land und Leute präsentierte er mit Respekt, biederte sich aber nie an.

Der See ist über 1000 Meter tief. Diese Geräusche macht das Eis.
Quelle: Deutschlandradio Kultur

Die WDR wiederholte diese Dokumentation gestern am späten Abend — leider ging die Ankündigung im allgemeinen Nachrichtenstrom unter. Das hätte man besser machen können. Wirklich unangemessen ist allerdings der Nachruf, den Welt Online brachte. Dort heisst es im Title „Der TV-Moderator, der aus dem Gefrierschrank kam“. Sätze wie diese

Da war ein Hauch von Trockeneis, den sein schwerst unterkühlter Sprachduktus verströmte, und es war nicht nur die grobe Auflösung früherer TV-Gerätegenerationen, die kaum Lippenbewegung erkennen ließ.
Quelle: Welt Online

sorgen bei mir für Brechreiz. Das hat Bednartz nicht verdient. Und falsch ist es zudem auch. Ich für meinen Teil haben den Journalisten nie als Eisberg empfunden. Ganz im Gegenteil, die Art, wie er für die Themen brannte, war auch im heimischen Wohnzimmer spürbar.

Wenn man Monitor und Welt auf einer Skala abbilden würden, so längen sie weit auseinander, nicht nur politisch. Für die konservative Presse war so jemand wie Bednartz tatsächlich ein rotes Tuch. Man kann unterschiedlicher Meinung sein, aber auch jemand wie Politikredakteur Clauß sollte wissen, was er mit Sprache vermittelt. Die Verwendung militärische Begriffe wie „Widerstandsnester“ oder „Truppe“ ist sicher kein Zufall. Hier wird noch mal posthum versucht, einen Journalisten zu diskreditieren — Respekt wäre dagegen angebracht.

Auch wenn ich persönlich es nicht so habe mit Vorbildern, so kann ich doch Rückblickend sagen, das Klaus Bednartz mich soweit geprägt hat, dass ich in den letzten Jahren meiner Schulzeit lange Zeit selber Journalist werden wollte. Es kam anders, wie so oft. Was man für sich wirklich herausnehmen sollte aus dem Leben von Bednartz, ist die Art, wie er seinen Ruhestand ausfüllte. Er blieb politisch interessiert, zog sich aber vollständig aus dem Tagesgeschäft heraus, verbrachte viel Zeit mit seiner Familie. Sich selber zu wichtig nehmen, war offensichtlich nicht seine Sache.

Kommentar verfassen

über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren