Scheitern als Voraussetzung

Scheitern als Voraussetzung

Auch für jemanden wie mich, der in Bezug auf Privafernsehen jahrelang bereits abstinent lebt war deer Start der neuen Versuchsanordnung. pardon, Show, bei Sat1 nicht zu übersehen. Großflächig kündigten auch in Köln Plakate den Start von „Newtopia“ an.

Auf einem abgeriegelten Grundstück lassen sich 15 Menschen kasernieren, um ein Jahr lang in einer Scheune und auf der zur Verfügung gestellten Fläche drum herum ihre Vision einer besseren Welt in die Wirklichkeit umzusetzen. Überwacht von Kameras zur Gaudi des verwöhnten Fernsehpublikums. Man kann die totale Überwachung dieser Menschen kritisieren — sie erfolgt jedoch auf vertraglicher Basis, den die Teilnehmer freiwillig unterschrieben haben. Ob dabei die Entbindung von der ärztlichen Schweigepflicht bei einem Arzttermin oder die Abhörung aller ausgehenden Telefongespräche sich noch auf moralisch vertretbaren Boden befinden, ist zweitrangig.

Jeder der Teilnehmer hat einen Grund, für die „15 minutes of fam“ seine Seele zu verkaufen. Alle Teilnehmer sind erwachsene Menschen. Auch die Zuschauer sehen sich das freiwillig an. Die Show ist nicht mein Geschmack, ich muss sie gut finden und auch nicht ansehen. Über „Newtopia“ an sich muss man sich genau so wenig wie über Big Brother oder das Dschungelcamp aufregen. Ich für meinen Teil habe zum Beispiel (gut, eine öffentlich-rechtliche Produktion, aber trotzdem) „Abenteuer 1900“ genossen. Ein wirklich interessantes Experiment, bei dem man zudem einen Einblick in die Geschichte bekam.

Auf seine Weise ist Newtopia auch ein Experiment. Allerdings eines, bei dem Scheitern eine Voraussetzung ist. Die 15 Menschen müssen scheitern, der geneigte Fernsehzuschauer darf ihnen dabei zusehen. Am Ende steht dann für das Publikum fest, dass es woanders auch nicht besser ist als zu Hause. Beziehungsweise, das Leben wie man es selber kennt, ist schon im Großen und Ganzen in Ordnung. Andernfalls würde die Sendung wohl auch sonst verboten werden oder zumindest als staatsgefährdend eingestuft.

Man stelle sich einfach naiv vor, was wäre, wenn die „Pionier“ tatsächlich eine neue, bessere Gesellschaft erschaffen würden. Eine die funktioniert und ein großer Teil der Republik bekäme das live mit. Sat 1 wirft folgende Frage in den Raum:

Ist ein besseres Leben möglich, wenn man völlig selbst bestimmen kann, wie dieses Leben aussehen soll?

Allerdings zu Marketingzwecken. Die Antwort ist dem Sender nämlich bereits bekannt und schließlich wurde die „Pioniere“ auch so ausgesucht, dass „Newtopia“ scheitern wird.

Wenn es also etwas an der Show zu kritisieren gibt, dann die Prädestination des Ausgangs. Was den Zuschauern in den kommenden Wochen und Monaten an Überraschungen erwartet, ist erwartbar. Ein wirklich ergebnisoffenes Experiment wäre mit Sicherheit wirklich spannend und sehenswert.

One Reply to “Scheitern als Voraussetzung”

  1. Das ganze Experiment ist schon deswegen zum scheitern verurteilt, weil sich die Teilnehmer nicht Autark versorgen können. Sie müssen, obwohl sie ja etwas vollkommen neues schaffen sollen, Geld verdienen, um sich die nötigsten Dinge leisten zu können, auch wenn sie mit einem Startkapital ausgestattet wurden. Schon dadurch entstehen wieder Zwänge, die verhindern, dass dort wirklich etwas neues entstehen könnte. Und es gelten auch im Camp weiterhin der Gesetze der BRD, auch dies darf nicht vergessen werden.

    Ein weiterer Punkt, der nicht ausreichend betrachtet wird, ist, dass diese Menschen schon eine gewisse Prägung haben. Sie haben Werte, sie haben Moralvorstellungen, sie haben gesellschaftliche Vorstellungen. Etwas wirklich neues könnte nur entstehen, wenn dort Kleinkinder „eingesperrt“ werden würden, die noch keinerlei Prägungen haben. Nur ist das nicht machbar und schon deswegen ist das Experiment zum scheitern verurteilt.

    Es ist am Ende auch nur Big Brother, nur dass es eben nicht drauf steht.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren