Die Sprache der Kriegsberichterstattung

Die Sprache der Kriegsberichterstattung

Menschliches Leiden, überall auf der Welt, zu jeder Minuten. Manches davon schafft es als Schlagzeile in die Medien. Der Abschuss des Fluges MH17, der eskalierten Konflikt in der Ukraine. Dazu der Krieg im Nahen Osten. Wobei, es ist mehr als ein Krieg. Syrien brennt, Fundamentalisten erobern den Irak und zwischen den Israelis und der Hamas bleibt die vornehmlich palästinensische Zivilbevölkerung auf der Strecke.

By: David KingCC BY 2.0

Gerade wer sich beruflich mit der Berichterstattung beschäftigt, auch eben Texte über die Konflikte und ihre Folgen schreibt, sollte im besonderen Maße sensibel sein. Sowohl für das Leid der Menschen, über die er schreibt als auch in Bezug auf die Sprache, mit der er dies tut.

Man mag mir Überempfindlichkeit unterstellen, die möglicherweise durch intensive Beschäftigung mit Texten hervorgerufen wird. Auf der anderen Seite lässt es schlecht leugnen, wie nachlässig einige Texte im Kölner Stadt-Anzeiger in letzter Zeit verfasst wurden. Über Tippfehler wurde ich mich, im Glashaus sitzend, nie beschweren. Wohl aber über Wörter und Begriffe, die im Kontext des Artikels deplatziert wirken.

„Ganze Straßenzüge in Trümmern“ lautet der Artikel von Inge Günther im heutigen KSTA. Es geht um die israelischen Militäraktionen und humanitäre Hilfe für die Palästinenser — unter anderem. In einem Absatz schreibt Frau Günther davon, dass die palästinensische Flüchtlingshilfe der Vereinten Nationen (UNRWA) nicht über genügend Kapazitäten für alle Flüchtlinge verfügt. Die Schule in Küstennähe

[…] haben Kapazitäten, um 35 000 Menschen mit Matratzen und Essen auszustatten. Doch doppelt so viele sind dort bereits untergekrochen.

Quelle: KSTA, 22.07.2014, S. 6

Den letzten Satz musste ich zweimal lese, damit mir klar wurde, dass ich mich nicht verlesen hatte. Dort steht wirklich „untergekrochen“. Das Verb wir umgangssprachlich verwendet, in der Regel auch mit einer abwertenden Intention. Warum, so frage ich mich, wurde nicht „untergebracht“, „untergekommen“ oder etwas anderes verwendet? Ist es lediglich sprachliche Nachlässigkeit oder möglicherweise sogar Absicht? Zumindest in meinem Kopf entstehen keine positiven Bilder, wenn ich „untergekrochen“ lese.

Weit über diese Befindlichkeit hinaus geht die unter dem Artikel im KSTA abgedruckte Statistik, „Der Gaza-Konflikt und seine Opfer“. Eine Art Aufrechnung der Toten auf israelischer und palästinensischer Seite. Was soll uns vermittelt werden, wenn es zum Beispiel über das Jahr 2009 heist, 4 tote Israelis, 1014 tote Palästinenser und 566 Raketen, die vom Gazastreifen aus auf Israel abgefeuert wurden? Belegt das die Präzision der israelischen Armee und die mangelnde Ausrüstung der Palästinenser, die mit fast 142 Raketen benötigen, um damit einen Israeli zu töten?

Ehrlich gesagt, ich finde diese Art der „Berichterstattung“ widerlich. Selbstverständlich sind die Zahlen objektiv. Entscheiden ist aber der Kontext. Wenn in der gleichen Zeitung über antisemitisches Ausschreitungen in Frankreich berichtet wird, sollte man ganz genau überlegen, worüber man sonst noch schreibt.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren