Alphatiere unter sich

Alphatiere unter sich

Morgens 8:10 Uhr in Köln. Den größten Fehler, den man als Bahnkunde begehen kann ist der, sich um diese Zeit bewusst in das Ruheabteil eines ICE zu setzen, um seine Ruhe zu haben. man sollte sich nicht der Illusion hingeben, ein paar Minuten während der Fahrt die Augen zu machen und dösen zu können. Das liegt nicht am Zug, sondern an den Mitreisenden. Im so genannte Ruheabteil ist alles andere als ruhig.

Nehmen wir der Einfachheit halber meine persönlichen Erfahrungen mit dem ICE 616 Richtung Dortmund. Heute zum Beispiel saßen im Ruheabteil nur wenige Reisende. Es war für den ersten Moment entsprechend leise. Unglücklicherweise hört man dann besonders gut, wenn sich jemand unterhält oder telefoniert. Reden dagegen ganz viel, gibt es ein allgemeines Grundrauschen. Einzelne Personen kann man nicht verstehen, wenn man sich nicht darauf bewusst konzentriert. Als Laie in Sachen Biologie vermute ich, es hängt irgendwie mit der Art und Weise zusammen, wie unser Gehirn funktioniert, Informationen filtert und verarbeitet.

Wie dem auch sei, das Zugabteil heute morgen im ICE. Ich saß, leider, wieder im Ruheabteil, statt im bahn.comfort-Bereich. Das hängt bei mir von der Zugreihung ab, da ich gerne auch schon vor Düsseldorf einen Sitzplatz haben möchte. Im bahn.comfort Bereich, um es kurz einzuschieben, sitzen morgens müde Pendler oder Menschen, die noch ihrer Hausaufgaben machen (sorry, in dem Alter heisst es ja, sich für ein Meeting oder ähnliches vorzubereiten). In der Regel ist es ruhig. Wenn es mal etwas lauter ist, dann entspricht das eher dem bereits erwähnten Grundrauschen.

In Ruheabteil heute morgen jedenfalls war es halbwegs ruhig bis Düsseldorf. Halbwegs ruhig deshalb, weil zwar trotz Telefonverbot telefoniert wurde, ich dies aber dank Ohrstöpsel nicht mitbekam – nur das Klingeln vorab war zu vernehmen. Die beiden Sitzplätze neben mir, auf der anderen Seite des Gangs waren von Düsseldorf bis Dortmund reserviert. Anhand der Reservierung kann man schon Rückschlüsse ziehen. Pendler, so war mir klar, welche die Strecke kennen, würde um diese Uhrzeit niemals für die wenigen Stationen reservieren. Aber Düsseldorf finden man wirklich sehr gut noch eine Menge freier Sitzplätze (abends sieht es auf der umgekehrten Strecke ab Düsseldorf dagegen ganz anders aus). Mir war daher bewusst, dass dort nebenan entweder zwei Urlaubsreisende Platz nehmen würden oder aber Alphatiere im Anzug / Kostüm (btw.: Liebe Geschäftsreisen, wer von euch wirklich wichtig ist, zeigt das nicht die Lautstärke, in der er sich unterhält, sondern bereits im Umstand, dass er 1. Klasse fährt).

In Düsseldorf stiegen dann tatsächlich zwei Anzüge hinzu. Die hörte ich dann trotz Ohrstöpsel so laut, als ob sie mir direkt in meine Ohren schreien würden. Der eine unterlegte das noch durch ausladen Handbewegungen – verständlicherweise mag ich es nicht, durch ruckartige Bewegung ins Zeitung lesen vertieft, am Kopf getroffen zu werden. Von mir folgt dann die freundliche Frage, ob sie bitte die Güte besitzen würden, sich leiser zu unterhalten. Verbunden mit dem Hinweis, sie befänden sich in einem Ruheabteil. Pampige Antwort: „Dann haben wir wohl falsch reserviert.“ Auf so was stehe ich besonders. Sich falsch verhalten und dann auch noch frech werden. „Offensichtlich!“, war daher meine Antwort. Und ich fügte noch hinzu. „Sie können sich gerne woanders hinsetzen, es gibt noch genügend freie Plätze.“

Sie haben sich dann etwas (wirklich nur etwas) leiser unterhalten. Beim nächsten Mal ändere ich meine Strategie. Ich werde einfach mein Mac Book aus der Tasche holen, Byword starten mit einer sehr großen, lesbare Schrift und einfach alles, was geredet wird, mitschreiben. Als Krimi-Autor weiß man schließlich nie, wofür man so was noch gut gebrauchen kann.

Das flegelhafte Verhalten ist, nebenbei gesagt, kein Privileg junger Menschen. Es findet sich in allen Altersgruppen. Gerade im ICE sind es oft Anzugträger (der Trainingsanzug der Büromenschen), denen das richte Maß an Benehmen zu fehlen scheint. Da werden Beine in Gang ausgestreckt, so dass andere Mitreisende darüber stolpern, es bleiben Taschen und Koffer auf Sitzplätzen, obwohl der Zug voll ist und andere Reisende breite stehen müssen und rücksichtslos wird der Rollkoffer durch den Gang gezogen, egal welche Körperteile anderer dabei auf der Strecke bleiben (leider fährt niemals ein Rollkoffer über die Füße eines anderen Alphatiers).

Für mich ist es ganz klar, was die Bahn dringen in ihren ICE`s zur Verfügung stellen sollte: ein Abteil vor normale Menschen, die gut erzogen sind. Stubenrein, so zusagen.

4 Replies to “Alphatiere unter sich”

  1. Ah, ein Schlips-Rant… wunderbar.

    Die Bezeichnung Trainingsanzug für Büromenschen werde ich mir für die passende Gelegenheit merken. Übrigens… diese Spezies ist auch im Flugzeug immer ein Quell der Freude.

    Am besten war mal der Vogel, der neben mir saß und die Kündigung seiner Sekretärin schrieb und darüber mit seinem Sitznachbarn zur anderen Seite diskutierte.

    Ich habe ihn dann freundlich auf ein paar Rechtschreibfehler hin gewiesen und gefragt ob er es auch so sehe, das Datenschutz völlig überbewertet wird. Danach war aber dann (eisige) Ruhe. :-)

    Naja, wichtig konnte er nicht gewesen sein, er saß in der Economy.

    LG Thomas

  2. Die Idee mit dem Abteil ist gut. Problem ist allerdings, dass sich die Rüpel ja für gut erzogen halten. Also besser ein Abteil für Rüpel einführen, darin sollte man wirklich in Frieden reisen können.

    1. Stimmt, wenn die meisten Menschen Hinweise ignorieren beziehungsweise sich genau umgekehrt verhalten, dann wäre das der richtige Weg.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren