Sonntags Tod

Sonntags Tod

Von Ende Februar bis Ostern ist es ein langer Weg. So lange habe ich allerdings nicht benötigt, um „Sonntags Tod“ von Carla Berling zu lesen. Genauer gesagt reichte der Ostermontag aus.

Unmittelbar nach mir hat es dann meine Frau verschlungen. Bei Amazon schreibt eine Leserin, sie hätte sich „durchgequält und mich dabei gelangweilt“ — das kann ich in keiner Weise nachvollziehen, denn der Krimi ist alles andere als langweilig. Ebenso ungerechtfertigt ist die Aussage eines anderen Rezensenten, der Sprachstil sei „echt schlicht, die Szenen werden zunehmend unrealistischer“. Ganz im Gegenteil. Der Sprachstil steht der Handlung nicht im Weg. Für mich ist das ein positives Merkmal. Abgesehen davon ist „schlicht“ völlig daneben gegriffen. Überhaupt nicht nachvollziehen kann ich die Aussage, der Krimi sei zunehmend unrealistisch. Ganz ehrlich, ist er nicht. Serienkiller, die eine riesige Blutspur hinter sich her ziehen, die wären unrealistisch. Oder eine ganze Menge anderer der so genannten Lokalkrimis. „Sonntags Tod“ ist nah dran an der Wirklichkeit, zeichnet die Figuren plastisch und vorstellbar.

Gehen wir das alles aber mal ordentlich der Reihe durch. Zwei Dinge am Anfang haben tatsächlich das Potential, abschreckend zu wirken. Das Inhaltsverzeichnis hinterlässt keinen guten ersten Eindruck. Eine Aufzählung „Kapitel 1“, „Kapitel 2“ und so weiter ist nichtssagend. Entweder lässt man so was weg, oder verwendet sprechende Kapitelüberschriften wie „Eine bekannte Tote“, „Plattenkuchen und eine Beerdigung“ oder „Leiche im Blitzlicht“. Möglicherweise stören sich anderen Leser jedoch nicht am Inhaltsverzeichnis, was wiederum dafür spricht, es einfach weg zu lassen und die Kapitel schlicht durch zu nummerieren (1 statt Kapitel eins reicht auch aus).

Was dagegen wirklich ein Problem darstellt, ist der Anfang des Krimis. Der narrative Haken fehlt leider. Die ersten Sätze

Warum gab es auf diesem Friedhof keinen asphaltierten Weg? Sie würde sich mit dem Kies die Absätze ruinieren.

ziehen einen nicht in die Handlung. Bei männlichen Lesern könnte der Krimi auch ganz schnell in die falsche Schublade sortiert und zur Seite gelegt werden.

„Beerdigungen an einem Freitag, man hatte das ganze Wochenende noch vor sich.“ — wäre eine von vielen Möglichkeiten. Letztendlich ist das auch jammern auf hohem Niveau, denn man muss wirklich aufmerksam lesen, um über Sätze zu stolpern. Manchmal ist nicht ganz klar, wer gerade spricht. An einer Stelle ist der Autorin auch ein kleiner Patzer unterlaufen:

Verena bewunderte, weil sie so gefasst wirkte.
Seite 88, Zeile 16

Verena ist die Frau, die im ersten Kapitel beerdigt wurde. Bewundern kann sie daher nichts mehr, es ist wohl eher Ira.

Als Autor musste ich lange überlegen, ob ich persönlich die Handlung über einen so großen Zeitraum gestreckt hätte wie Carla Berling es tat. „Sonntags Tod“ zieht sich vom 9. Januar bis zum 19. Oktober. Eigentlich müsste ein Krimi, um dichter, spannender zu sein, die Handlung auf wenige Tage verdichten. Andererseits dreht sich im Buch alles um eine ganz bestimmte Familie, die mit Sonntag, dem Toten aus dem zweiten Kapitel, verbunden ist. Als Familiengeschichte gesehen ist es durchaus legitim, wenn die Handlung breiter aufgestellt ist.

Ob Krimi oder Familiengeschichte, durch die Rückblenden erfährt man Stück für Stück die Motive der einzelnen Figuren, es zieht ein immer stärker in die ostwestfälische Provinz – nebenbei bemerkt, die beiden alten Tanten kann ich mir auch ganz gut am Niederrhein vorstellen.

Auf den nächsten Krimi von Carla Berling bin ich für meinen Teil ziemlich gespannt. Allerdings muss ich ehrlich gestehe, dass es durchaus eine andere Hauptfigur sein könnte, denn so sympathisch Ira auch ist, als Serienfigur besitzt sie leider kein Potential — mitunter auch ein Fluch von Privatermittlern.

Zu guter letzt noch eine grundsätzliche Anmerkung. Für mich ist es mehr als unverständlich, warum eine Autorin wie Carla Berling bei keinen größeren Verlag unter gekommen ist (möglicherweise sollte ich auch ihr Buch zu diesem Thema lesen). Mit einem Teil der von mir in den letzten Monaten gelesen Lokal-Krimis nimmt es „Sonntags Tod“ locker auf und schlägt diese um Längen.

2 Replies to “Sonntags Tod”

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren