Das üben wir noch mal

Das Wetter gestern lud nicht gerade dazu ein, die heimischen Gefilde zu verlassen, geschweige denn überhaupt einen Fuß vor die Tür zu setzen. Es war als wollte es sagen: „Ich kann auch ohne Regen schlecht sein“. Alternativ zum Verkriechen kann man sich auch in Veranstaltungen stürzen, die in geschlossenen Räumen stattfinden und daher unabhängig vom Wetter sind. Anfang März in Köln bezieht sich das vornehmlich auf die lit.cologne.

Am Anfang des Nachmittags stand aber nichts mit Büchern, sondern ein Besuch der Sonderausstellung „Der Eigelstein“ im Kölnischen Stadtmuseum. Dankenswerterweise hatte dazu der SPD-Ortsverein Köln Innenstadt-Nord eingeladen. Dieser hatte sich auch darum gekümmert, dass uns eine Mitarbeiterin des Museums durch die Ausstellung führte. Dadurch wurden die Exponate erst lebendig, denn sie schaffte Geschichte anschaulich zu vermitteln. Ihre persönlichen Anknüpfungspunkte ans Viertel und an Köln waren eine echte Bereicherung, genauso wie ihr erfrischendes Wesen — das ist niemand, den man in der hinteren Reihe verstecken muss. Mir hat es ganz klar gezeigt, wie anders ein Museumsbesuch wird, wenn einen jemand quasi an die Hand nimmt und durch die Ausstellung führt. Man sieht mehr. Es reicht eben nicht, die die Beschriftungen zu lesen. Zumindest bei mir nicht, denn in der Regel werde ich bei so was früher oder später fahrig und hetzte dann nur noch von einem Objekt zum nächsten. Fazit für mich an dieser Stelle schon mal: wenn möglich immer eine Führung buchen.

Für den Abend stand eine Lesung im Rahmen der lit.cologne an. Aus unseren bisherigen Erfahrungen heraus wollten wir es auf keinen Fall ausprobieren, wie gut man hinterher noch irgendwo essen gehen kann, denn das geht in der Regel schief. Daher war nach der Sonderausstellung ein Restaurantbesuch eingeplant. Unsere erste Wahl hatte sich aber bereits Anfang Januar in Luft aufgelöst, denn das Mosch Mosch in Köln gibt es seitdem nicht mehr. Damit wurden die Gutscheine zu Altpapier. Da ich in den letzten Wochen bereits eine kleine Liste mit Restaurants zusammen gestellt habe, die wir noch nicht kennen und die interessant klingen, fand sich schnell Ersatz.

Die Wahl fiel auf „The Grill“. Passte auch ganz gut, da es für Salt definitiv zu kalt war. Fleisch wärmt von innen — jedenfalls ist das die Meinung von meiner Frau und mir (wir können als Paar in ein Steakrestaurant gehen und bestellen auch beide maximal Medium, während es Männergruppen gibt, die an einem Frauen-freien Tag endlich mal wie „ganze Kerle“ ihrer Fleischlust fröhnen können, die die andere Hälfte nur Salat isst; eine Anmerkung meiner Frau…). Steak, also. Unsere erstes Mal mit Rib Eye. Und geschmacklich sicherlich nicht das letzte Mal. Zumindest war es auch das Steak, welches perfekt auf den Punkt gebraten serviert wurde. Der Rest bei „The Grill“ fällt leider in die Kategorie „das üben wir noch mal“. Personal sollte grundsätzlich aufmerksam sein. Fehler passieren, aber es waren gestern deutlich zu viele. Wenn man zum Wein eine Flasche Wasser bestellt, gehört es sich eigentlich, dass man dem Gast schon mal einschüttet und nicht einfach nur die Flasche auf den Tisch stellt. Ebenfalls erwarte ich auch, dass einem von alleine auffällt, wenn das Besteck nicht vollständig ist. Nett ist auch ein Hinweis, dass es vorweg Brot auf Kosten des Hauses gibt, wenn der Gast sich anstellt, Brot zu bestellen. Zweimal Brot fand ich doch etwas übertrieben, besonders wenn man es einfach so an den Tischrand hingestellt bekommt. Wer eine Bestellung aufnimmt, sollte sich dabei auch soweit konzentrieren, dass diese vollständig ist, gerade wenn es einem sehr leicht gemacht wird und beide Personen am Tisch das Gleiche bestellen. Die Ofenkartoffel meiner Frau musste noch mal nachgeordert werden.
Vom Personal in einem Restaurant erwarte ich grundsätzlich eine Dienstleistungsmentalität. Wer einfach nur gelangweilt und unkonzentriert seine Stunden abreißt, ist in dem Job fehl am Platz, selbst wenn er es nur als Aushilfe macht.

Am Rande erwähnt: wenn ich als Gast nach einer Weinempfehlung frage, dann meine ich das auch so. Es ist schon schlimm genug, wenn man als Bedienung keine Ahnung hat, aber dann sollte man es zumindest auch offen eingestehen und nicht einfach schweigen. Pro-Tipp für’s Personal: wenn Mann und Frau zusammen gegessen hat und sie nach der Rechnung fragt, sollte man diese auch ihr vorlegen und nicht etwa dem Kerl, nur weil man irgendwo im Hinterkopf das archaische Muster abgespeichert hat, dass Männer immer zahlen.

Zu „The Grill“ lässt sich als Fazit sagen: das ist noch viel, sehr viel Luft nach oben. Eine anständige Schulung für das Personal würde ich zumindest für eine verdammt gute Investition halten.

Mit gefülltem Bauch (das Steak war wirklich gut, genauso wie der Rotwein, den meine Frau von der Karte ausgewählt hatte), ging es dann rüber auf die Schäl Sick, zum Polizeipräsidium. Dort wollten wir nicht Anzeige erstatten wegen grob fahrlässiger Missachtung des Gastes bei „The Grill“, sondern es war der Ort der Lesung mit David Peace. Ausgewählt hatte ich die Lesung in völliger Unkenntnis des Autors ausschließlich auf Grund des Veranstaltunsgortes. Auf diese Weise bekam der angehende Krimiautor mal einen ersten Einblick ins Polizeipräsidium.

Moderiert wurde die Lesung von Bernhard Roben, dessen Händchen, gelungen durch den Abend zu führen, ich bereits von anderen lit.cologne Veranstaltungen kannte. Für die Lesung des deutschen Textes war der Schauspieler Johannes Benecke zuständig. Mit dem Eindruck, dass man einen Texte vielleicht mindestens vorher mal im stillen Keller gelesen haben sollte bevor man ihn vorliest, war ich nicht der Einzige. Das war kein vortragen, sondern ablesen und zwar auf eine Art, die dem Text ein keiner Weise gerecht wurde. Auch gilt: Das üben wir noch mal!
Die Handlung und Rahmenhandlung von „GB84“, so der Titel des Buches von David Peace, wurde einem durch Roben und dem Autor selber besser vermittelt.
Hintergrund des Krimis, von dem mal leider gar nichts mitbekam, ist der Streik der Bergarbeiter in Großbritannien 1984 — daher auch der Titel des Buches. Dieser Hintergrund alleine ist schon beklemmend genug beschrieben, um das Buch zu kaufen. Allerdings nicht in der deutschen Übersetzung. Ganz deutlich wurde es noch mal am Ende der Lesung, als ein und dieselbe Passage erst auf Deutsch gelesen, dann von Peace selber vorgetragen wurde. In der deutschen Fassung hat der Text nicht die Kraft und vor allem nicht den Rhythmus der Wörter und die Melodie der Sprache. Nur anhand der Originalversion wird einem klar, dass man hier ein Stück Literatur vor sich hat. Ebenfalls fehlen im Deutschen die doppelten Bedeutungen. Elektrizität ist wohl die schlechteste Übersetzung für „Power“, obgleich sich das englische Wort vermutlich gar nicht so übertragen lässt. Beim Streik ging es eben nicht nur um Strom (durch Kohle) sondern eben auch um Macht (von Margaret Thatcher).