Hoeneß Gang nach Canossa

Hoeneß Gang nach Canossa

Es gibt Ereignisse, die sich so rasch vollziehen, dass gedruckte Zeitungen Mühe haben, mit der Berichterstattung nachzukommen. Der Fall Uli Hoeneß ist ein solcher. Gestern wurde das Urteil im Fall Uli Honeß verkündigt. Dreieinhalb Jahre Haft ohne Bewährung wegen Steuerhinterziehung. In der Zeitung stand heute morgen noch, dass sein Anwalt angekündigt habe, in Revision zu gehen. Wir, Bürger und Publikum des Verfahrens, haben eigentlich nichts anderes erwartet — selbst wenn Hoeneß kein so genannter Prominenter wäre.

Jemand mußte Uli H. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.

Gegen Mittag hieß es dann, Herr Hoeneß würde auf die Revision verzichten und nähme das Urteil an. Mit sofortiger Wirkung trat er auch von allen seinen Ämter zurück. Etwas, was er unabhängig vom Urteil bereits wesentlich früher hätte machen sollen. Bei jemanden, der seine Schuld eingestanden hat, braucht man nicht über die Unschuldsvermutung zu diskutieren, sondern nur über Anstand. Und den hätte Uli Honeß bereits vor dem Urteil beweisen können. Jetzt davon zu sprechen, ebenso wie von Haltung und persönlicher Verantwortung ist reichlich spät. Zudem wirft es Fragen. Ist hier wirklich ein Hauch von Einsicht zu spüren oder aber wird hier knallhart kalkuliert? Geht da jemand „freiwillig“ ins Gefängnis, damit ihn die Fans wieder lieb haben? Oder erhofft sich Hoeneß durch gute Führung eine Reduzierung des Strafmaßes? Man kann darüber nur spekulieren.

H. war telephonisch verständigt worden, daß am nächsten Sonntag eine kleine Untersuchung in seiner Angelegenheit stattfinden würde. Man machte ihn darauf aufmerksam, daß diese Untersuchungen regelmäßig, wenn auch vielleicht nicht jede Woche, so doch häufige, einander folgen würden. Es liege einerseits im allgemeinen Interesse, den Prozeß rasch zu Ende zu führen, anderseits aber müßten die Untersuchungen in jeder Hinsicht gründlich sein und dürften doch wegen der damit verbundenen Anstrengung niemals allzulange dauern.

Recht eindeutig dagegen sind die Aussagen des politischen Establishments, allen voran die von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sich jetzt hinzustellen und die Entscheidung von Hoeneß zu loben, ihm dazu auch noch Respekt entgegen zu bringen, dass er seine Strafe akzeptiert, ist reichlich merkwürdig. Ein Verurteilter Straftäter verdient keinen Respekt, wenn er seine Strafte akzeptiert, sondern es eher etwas, was im Bereich des Selbstverständlichen liegen sollte. Es wohl kaum davon auszugehen, dass jeder x-beliebige Straftäter, der sein Gerichtsurteil akzeptiert, von der Bundeskanzlerin persönlich eine Respektbezeugung erhält. Hier von einer Zwei-Klassen-Gesellschaft zu reden, ist durchaus vertretbar.

Zudem sollte man sich eines vor Augen halten: Jemand wie Sebastian Edathy wird, ohne Gerichtsurteil zur Persona non grata erklärt, mit dem sich niemand mehr die Finger schmutzig machen will. Fair ist das wohl kaum. Es zeigt, dass Steuerhinterziehung eben doch, trotz aller anders lautenden Bekundungen, den Status eines Kavaliersdelikt hat.

Endlich hatte sich H. doch entschlossen, dem Advokaten seine Vertretung zu entziehen. Zweifel daran, ob es richtig war, so zu handeln, waren zwar nicht auszurotten, aber die Überzeugung von der Notwendigkeit dessen überwog.

Wenn Hoeneß seine Strafmaß ohne Wenn und Aber akzeptiert, dann wirkt das wie der Gang nach Canossa. Der Versuch Abbitte zu leisten, damit ihn hinterher wieder jeder lieb hat. Hoeneß erniedrigt sich, um wieder aufstehen zu können. Erwarten darf man jetzt eine tränenreiche Autobiographie (mit Ghostwriter) — die JVA Landsberg hat bereits andere „Autoren“ hervorgebracht. Wenig spekulativ dürfte es sein, wenn man vermutet, nach abbüßen seiner Strafe würde Hoeneß genau dort wieder lande, wo er vorher war. Auch das unterscheidet ihn von jedem anderen „normalen“ Straftäter. Eine zweite Chance gibt es nur mit Promi-Bonus.

Alle Zitate (mit leichten Anpassungen) aus: Franz Kafka, Der Prozess

5 Replies to “Hoeneß Gang nach Canossa”

  1. Der Vergleich einer Steuerhinterziehung von Hoeneß mit dem Verdacht auf Besitz von Kinderpornographie von Edathy hinkt nicht nur, das geht gar nicht in meinen Augen! Dazu viel mehr hier zu schreiben bringt nichts außer böses Blut deswegen lasse ich es besser!

  2. Coole Idee, die abgewandelten Kafka-Zitate! (Allerdings passt dann irgendwie das Bild von Canossa in der Überschrift nicht so recht …)

    „Jemand wie Sebastian Edathy wird, ohne Gerichtsurteil zur Persona non grata erklärt, mit dem sich niemand mehr die Finger schmutzig machen will. Fair ist das wohl kaum. Es zeigt, dass Steuerhinterziehung eben doch, trotz aller anders lautenden Bekundungen, den Status eines Kavaliersdelikt hat.“
    D’accord. Tatsächlich erinnert mich die Edathy-Sache an eine öffentliche Hexenjagd, basierend auf einigen wenigen harten Fakten und dann einer Menge politischer Schachzüge – und im Boulevard natürlich dazu die Lust, einem von „da oben“ was auszuwischen. Und zur Tatsache, dass Steuerhinterziehung als Kavaliersdelikt gilt: Hey, guter Mann, wir leben in einem Land, in dem Geld das wertvollste Gut ist UND in dem jedes Prozent Steuern schon ein Prozent zu viel ist und wo es schon Bürger- und Ehrenpflicht ist, dem Staat um jeden Cent zu bescheißen.
    Apropos Edathy. Ist es nicht komisch, dass „die Leute“ gerade von denen ein tadelloses moralisches Leben erwarten, denen sie zugleich (!) den miesesten Charakter unterstellen, nämlich den Politicos? Man möchte weiße Ritter haben und anbeten, aber irgendwas in einem sagt, dass die Rüstung zwar blitzblank ist, es im Inneren aber oft wie in einer Güllegrube aussieht … menschlich eben.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren