Der Autor als Puppenspieler

Der Autor als Puppenspieler

Stellen wir uns ein Filmset vor. Ein neuer Blockbuster soll gedreht werden. Der Produzent hat eine grobe Ahnung davon, welches Genre es sein wird und welche Schauspieler für den Film in Frage kommen. So was wie eine Filmhandlung hat er beim Mittagessen im Schnellimbiss auf eine Servierte gekritzelt. Bereitwillig haben ein paar Leute, die mit ihrem Geld gerade nichts besseres anzufangen wissen, die Finanzierung zugesagt.

Der erste Drehtag. Die Schauspieler sind am Set, der Regisseur gibt ihnen Anweisungen für die erste Klappe und sie machen, während die Kamera läuft, etwas völlig anderes. Der Bösewicht spielt den Samariter und verliebt sich in die Frau, die er bereits zu Anfang des Films umbringen sollte. Währenddessen sitzt der Held manisch-depressiv im Unterhemd auf dem Sofa. Gerade bevor der Regisseur einen Anfall bekommt, filmt der Kameramann die Schlange vor der Damentoilette.

Vermutlich werden die meisten Menschen davon ausgehen, dass auf diese Weise nie ein Film zustande kommen wird. Ein Dreh erfordert die Disziplin aller Beteiligten und die Einhaltung von Absprachen. Schließlich gibt es auch (oder sollte es geben) ein Drehbuch. Unser gesunder Menschenverstand stellt sich den Regisseur als eine Art Puppenspieler vor, der die Schauspieler am Faden hält, damit der andere, rote Faden durch die Handlung nicht verloren geht.

Die spannende Frage dabei ist die, warum das, was für einen Film gilt, nicht auf gleiche Weise auch bei Büchern zutrifft. Der Autor als Puppenspieler, der seinen handelnden Figuren im Griff hat.Und dann liest man plötzlich Sätze wie diese im NaNoWriMo-Forum:

Meine Figuren machen prinzipiell was sie wollen. Leider selten das, was mein Plot vorsieht. So kommt es dann häufiger vor, dass Leute, die für eine Szene gedacht waren, plötzlich zur Hauptfigur avancieren, während die eigentlichen Pro- /Antagonisten sich zurückziehen und so tun, als wären sie nicht da.

Selbst Leser werden sich vermutlich die Frage stellen, was da schief läuft — oder ob es vielleicht der Normalfall ist. Nein, ist es nicht. Grundsätzlich ist es erstmal so, dass ein Autor die Geschichte schreibt, nicht die Figuren selber. Es sei denn, der Autor lebt in Köln und kleine Heinzelmännchen übernehmen die Arbeit (was voraussetzt, dass sie der Schneidersfrau verzeihen würden). Als Autor sollte man nicht nur jederzeit die Kontrolle über seinen Plot haben, man hat sie auch. Wenn so etwas wie oben zitiert passiert, gibt es grundlegenden Defizite.

Bevor man sich als Autor an den Schreibtisch setzt, um die erste Zeile seines Romans zu schreiben, sollte man die notwendigen Hausaufgaben gemacht haben. Eine guten Eindruck davon, was dazu alles gehört, vermittelt das zu recht als Standardwerk unter Autoren geltenden „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“ von James N. Frey. Man muss ihm bei weitem nicht in allen Aspekten zustimmen, aber erstens sollte man sein Werk mindestens einmal gelesen haben und zweitens hat er recht. Das muss ich, bei dritten mal lesen, auch feststellen — und dabei gehöre ich schon zu denjenigen, die vorher einen Plot ausarbeiten.

Zur Vorarbeit gehört es nach Frey, sich mit seinen Figuren auseinander zu setzen. In dem man einen Bogen ausfüllt, fiktive Interviews führt oder sich sonst wie ihrer Biographie nähert. Auch wenn diese nur wie die Spitze eines Eisberges in der Handlung durchscheint, muss man sie als Autor kennen. Gleichzeitig prüft man die Figuren, inwiefern sie zur angedachten Handlung passen. Bei Frey steht die Prämisse im Vordergrund, ich würde das Gewicht eher auf die das Exposé legen. Um zum gedachten Ziel zu kommen, muss ich als Autor meine Figuren führen. Wenn sie sich „weigern“ sollten, sind es die falschen Figuren, die ich verwende, oder aber mir fehlt es als Autor an „Durchsetzungsvermögen“. Sich treiben lassen heisst, abschweifend zu werden und damit todsicher den Spannungsbogen zum Einsturz zu bringen. Ein Roman wird auch schreiben, wenn einem die Figuren auf der Nase herumtanzen. Genauso wie man Zelluloid (oder Speicherkarten) mit Filmmaterial voll bekommt. Für das große Publikum ist so was aber in beiden Fällen wenig geeignet.

2 Replies to “Der Autor als Puppenspieler”

  1. Da kann ich nicht ganz zustimmen. Ich habe im Laufe meiner schriftstellerischen Tätigkeit die Erfahrung gemacht, dass man sich während des Schreibens ruhig mal von seinem ursprünglichen Plan entfernen kann. Manchmal ergibt sich beim Schreiben etwas, das sich als die bessere Idee herausstellt. Und manchmal verselbstständigen sich die Figuren tatsächlich ein bißchen bzw. belehren den Autor eines besseren. Man kann den gesamten Roman mit allen seinen Facetten kaum zu Beginn des Schreibens schon komplett im Kopf haben, besser gesagt man muss es nicht unbedingt. In meinem Blog (http://susannebecker.blogspot.com) beschreibe ich genau zu diesem Thema meine eigenen Erfahrungen.

    1. Zunächst einmal muss ich gestehen, dass das Filmbeispiel etwas hinkt. Am Set agieren mehrere Menschen. Seinen Roman schreibt ein Autor normalerweise alleine.

      Das man beim schreiben vom ursprünglichen Plan auch mal abrücken kann, ist legitim. Allerdings habe ich aus dem Schreibseminar einer Krimiautorin folgenden Satz noch sehr präsent: „Lasst nicht die Personen das Ruder übernehmen.“ Man sollte immer die Fäden in der Hand behalten.

      Selbstverständlich entwickeln sich Figuren im Rahmen der Handlung — das sollten sie auch, denn andernfalls wäre der Roman langweilig und vorhersehbar. Figuren können dabei allerdings nie, so finde ich, einen Autor „belehren“. Sie entstammen unserer Fantasie, sind unsere Geschöpfe. Und im Gegensatz zu Kindern ist es für einen Autor leicht, die Figuren genau das machen zu lassen, was sie im Rahmen der Handlung machen sollen. Klappt das nicht, gibt es möglicherweise ein tieferliegendes Problem mit dem Plot.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren