Krieg und Honig

Sie sah Butter im Honigglas. Dazu Honig, der von seinem Brötchen heruntertropfte. Seine Zeitung hielt er dabei so geschickt, dass der Honig nur den Tisch verschmierte. Zunächst schwieg sie, was er als Einverständnis für den Rückfall in alte Gewohnheiten wertete. Dabei hatten sie vereinbart, dass er im Urlaub auf das Lesen der Zeitung beim Frühstück verzichten würde.

Sie wollte, nein verlangte von ihm, mehr Zeit mit ihr zu verbringen. Ihn deshalb zur Rede zustellen brachte nichts, so glaubte sie. Seine Antwort, die er dann geben würde, klang in ihrem Kopf.

„Wir verbringen doch den ganzen Urlaub zusammen. Zu zweit.“ Das ihrer Meinung nach mehr dazu gehörte, als nur nebeneinander zu frühstücken, würde er nicht einsehen. Ebensowenig wie den Umstand, das gerade an dem „zu zweit“, die Meinungen auseinander gingen.
Sie presste die Lippen aufeinander, versuchte den Ärger herunter zu schlucken. Doch er blieb liegen, genau wie die Brötchenhälfte auf ihrem Teller.

„Isst du das noch?“

Ohne ihre Antwort abzuwarten griff seine Hand nach der Brötchenhälfte und ließ sie irgendwo hinter der Zeitung verschwinden. Als nächstes würde er mit seinem Messer an die Butter gehen und dort die Reste vom Honig hinterlassen.

„Kipp die Butter doch gleich zum Honig!“, platze es aus ihr heraus.

Die Zeitung senkte sich. In seinem Blick lag Überraschung ebenso wie Ärger, bei der Lektüre gestört worden zu sein. Sie war sich nicht sicher, ob sie zu weit gegangen war. Kurz davor sich zu entschuldigen, gelang es ihr, sich zu bremsen. Diesmal nicht. Diesmal wollte sie nicht wie sonst Frieden um jeden Preis, was immer gleichbedeutend damit war, dass sie nachgab.

Statt in anzusehen, starrte sie auf das Glas.

„Ach das, was regst du dich darüber so auf. Wenn es dir so wichtig ist, kaufen wir dir halt ein eigenes Glas.
„Darum geht es nicht.“
Die Zeitung wurde sorgfältig gefaltet und zur Seite gelegt.
„Sondern?“
„Du meinst noch immer, alles ließe sich mit Geld lösen.“
„Immerhin verdiene ich welches.“
Ihre Augen wichen ihm nicht aus. Ein Knäuel Hass lag auf ihrer Zunge und sie spie es ihm vor die Füße.
„Du, du machst doch nur das, was dir Spaß macht. Bücher immer nur Bücher. Und junge Studentinnen.“
„Niemand hat dich dazu gezwungen, außerhalb der Universität zu arbeiten.“
„Du warst doch froh darüber, als ich der Fakultät den Rücken gekehrt habe.“

Er schien zu ahnen, was sie meinte. Von ihnen beiden war sie die bessere Literaturwissenschaftlerin gewesen. Ihm dagegen gelang es, Beziehungen zu knüpfen und die richtigen Leute zu treffen. Können allein reichte nie aus. Die Freiheit, die sie haben wollte, bekam sie. Erst viel später merkte sie, zu welchem Preis. Unsicherheit, schlechte Bezahlung, Mehrarbeit. Eine Literaturwissenschaftlerin in einer Werbeagentur. Dafür fielen ihm abgegriffene Vergleiche ein. Poetischer hätte sie es formulieren können, wenn sie bereit gewesen wäre, ihre Situation zu reflektieren.

Die jungen Studentinnen. Bestreiten müsste er es, obwohl er wusste, dass er dabei lügen würde. Sie war doch selber Schuld. Getrennte Schlafzimmer, weil er angeblich schnarchen würde. Früher hatte ihr das offensichtlich nichts ausgemacht. Damals in der Toskana lagen sie eng umschlungen nach einer Flasche Chianti in einem Bett des Ferienhauses. Eindeutig geschnarcht hatte nur sie und ihn in der Nacht fast aus dem Bett geworfen, so breit hatte sie sich gemacht.

Die Butter trübte den Honig, verunreinigte ihn. Für einen Moment sah sie ganz deutlich, was er mehr als zu vor begehrte. Kinder. Die ganzen Anspielungen in den letzen Monaten. Besuche bei Freunden und seinen Arbeitskollegen, natürlich immer nur seine Arbeitskollegen, die längst Nachwuchs hatten. Sein verklärter Blick, wenn er eines der Bälger auf den Arm nehmen durfte. Die Unfähigkeit von ihm zu erkennen, wie sehr sie jedes Mal darunter litt. „Sie können keine Kinder bekommen.“ hatte ihr die Frauenärztin unmissverständlich, aber mit tiefen Mitgefühl gesagt. Dieses Mitgefühl würde er nicht aufbringen. Er wusste nicht mal von ihrem Problem, wie sie es bei sich nannte.

Mit der Zeit waren ihre Wohnungen immer größer geworden, genauso wie der Abstand zwischen ihnen. Jede Berührung von ihm schmerzte sie. Unausgesprochene Halbsätze hatten sich zu Kommunikationsbergen aufgetürmt, in dessen verschatteten Tälern sie hausten.

Das Messer wog leicht in der Hand. Daran, wann sie es wieder vom Tisch genommen hatte, konnte sie sich nicht mehr erinnern. Etwas tropfte davon ab, Honig vielleicht, auf seine Zeitung, während er schwieg.

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