Die Einsamkeit des Steuerzahlers

Vor ihm auf dem Schreibtisch, dem die Spuren unzähliger Verwaltungsakte anzusehen waren, stand eine Falsche Sprudelwasser. Wie bei so vielen Dingen legte er auch hier Wert auf die Details. Selbstverständlich befand sich sein Wasser in einer Glasflasche. Eine Marke, die bereits seine Eltern gekauft hatten, als er noch ein Kind war. Langsam goss er sich Wasser in ein Glas. An den Ränder hatte er zuvor die Schlieren der Spülmaschine weggewischt. Die Gläser aus der Teeküche des Verwaltungsgebäudes Mittlere-Innenstadt-Süd, wiesen immer solche Schlieren auf. Der Abdruck einer Nachlässigkeit, weil keiner mehr von Hand spülen wollte. Selbstverständlich fiel das Spülen von Gläsern nicht in seinen Zuständigkeitsbereich. S wie spülen. Hermann Retrop war für den Buchstaben E zuständig. E wie Einsamkeit, die ihn immer dann befiel, wenn er Feierabend hatte, seine Hemden für den nächsten Tag bügelte und sich fragte, ob man ihm erlauben würde, über die Pensionsgrenze hinaus weiter zu arbeiten.

Natürlich kannte er die Antwort, ohne jemals die Frage gestellt zu haben. Wirklich alles musste seine Ordnung haben. Und jemand, der freiwillig länger arbeitete, war im System nicht vorgesehen. Andere in seiner Lage würden vielleicht am System zweifeln, aber Retrop dachte in dieser Hinsicht anders. Er glaubte an die Ordnung, an die sich aus den Verwaltungsakten ergebene Gerechtigkeit, die sich nie als anbiedernde Gleichheit ausgab.

Tag für Tag führte er daher die Strichlisten, sah jede ihm angelieferte Akte durch und konnte am Ende des Tages mit der Gewissheit einschlafen, zumindest einen Teil seiner Steuern bezahlt zu haben. Nachts plagte ihn dennoch häufiger ein und der selbe Albtraum. Verschwommen sah er darin eine Welt, in der er nicht in der Verwaltung an seinem Schreibtisch saß, sondern davor. Nie sah er er, wer an seinem Platz hinter Schreibtisch sich Notizen machte, um anschließend den Vorgang abschließen zu können. Immer wachte er von einem Satz auf, der noch während des Frühstücks in seinem Kopf hallte. „Ihr Unterlagen sind Unvollständig, Herr Retrop.“

Gerne würde Hermann Retrop jemand beim Frühstück von seinem Traum erzählen. Möglicherweise ließe sich allein durch das darüber mit jemand sprechen der Traum durchschauen. Oder aber er würde ein Stück seines Schreckens für Retrop verlieren.

Seufzend stellte er die Flasche Wasser wieder an die gleich Stelle auf dem Tisch, wo sich schon ein Abdruck der Glasrillen an der Unterseite der Flasche eingedrückt hatte. Retrop führte gerade das Glas zum Mund, als es an der Tür klopfte. Niemand trat ein. Retrop trank einen Schluck, dann ging er mit dem Glas Wasser in der Hand zur Tür, um diese zu öffnen. Wie zu Beginn jeder Woche hatte man seine neuen Quittungen gebündelt zu einem Stapel einfach vor die Tür gelegt.

Der Rest des Tages huschte an Retrop vorbei hinaus auf dem Flur und verschwand im Halbdunkel der 56. Etage.

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