Zur Ehrenrettung der Lasagne

Witze sind dienen auch als Ventil der eigenen Ohnmacht. Insofern zeigt die Anzahl der humoristisch vorbelasteten Tweets in den letzten 48 Stunden zum Thema ‚Lasagne‘, und ‚Pferdefleisch‘, wie sehr uns der derzeitige Lebensmittelskandal an die Nieren geht.

Wie viel PS hat deine Lasagne?

Dabei ist es einfach, mit dem Finger auf einen vermeintlichen Schuldigen zu zeigen. Leider gibt es nicht nur einen, sondern viele. Unter anderem sind es auch wir, die ein Stück weit verantwortlich sind. Jeder von uns trifft im beim einkaufen eine Entscheidung, die sich auswirkt auf die Art und Weise der Lebensmittelherstellung. Verlangt der Konsument nach günstigen Fertigprodukten, so wird er nicht nur günstige, sondern auch billige bekommen. Die Lasagne aus dem Supermarkt ist dafür ein gutes Beispiel.

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Wenn man sich anschaut, welchen Weg das Fleisch zur Herstellung genommen hat, müsste einem allein deshalb schon unwohl zumute werden. Bei einem Verkaufspreis von unter zwei Euro kann niemand ernsthaft ein Qualitätsprodukt erwarten. Warum das so ist, erkennt man möglicherweise dann, wenn man weiß, was eine gute Lasagne ausmacht.

  • 300 g Lasagneblätter (ohne vorkochen)
  • 500 g Hackfleisch vom Rind
  • 30 g Butterschmalz
  • 100 g Kochschinken
  • 1/2 l Bechamelsauce
  • 1/2 Möhre
  • 1 kleine Zwiebel
  • 1/2 Sellerie
  • 1/2 Glas trockener Rotwein
  • 500 g Tomaten aus der Dose
  • 200 g Streukäse
  • 100 g geriebener Parmesan
  • Salz, Pfeffer
  • frische Petersilie

Wenn ich mich richtig erinnere, entdeckte ich meine Affinität zur Lasagne in der neunten und zehnten Klasse. Mit verantwortlich dafür ist ein gewisser Kater, für den Lasagne sein Lieblingsgericht war. Die ersten Kochversuche bei mir waren akzeptabel, aber nicht berauschend. Über die Jahre habe ich immer weiter gesucht, Rezepte ausprobiert, Zutaten variiert und mich langsam an eine Version herangetastet, die zumindest für meinen Geschmack perfekt ist. Lasagne alla Ferrarese besticht durch zwei Dinge. Die Einfachheit der Zutaten und die Zeit, die man zur ihrer Herstellung benötigt. Eine gute Lasagne benötigt zwei Stunden bis sie servierfertig ist. Stellt man die Bechamelsauce auch noch selber her, verlängert sich die Zeit (und wer ganz viel davon hat, macht auch die Lasagneblätter selber). In der Zutatenliste steht im Übrigen eindeutig Hackfleisch vom Rind, aber das nur nebenbei.

Die Basis der Lasagne alla Ferrarese ist die Sauce, die rund eine Stunde leise auf dem Herd einkocht. Nur dadurch finden die Aromen der einzelnen Zutaten zu einem stimmungsvollen Ganzen. Auch im Ofen ist die Lasagne kein Sprinter.

Zwiebel, Möhre, Sellerie und Schinken fein würfeln. Die Zutaten in einem Topf einige Minuten in 30 g Butterschmalz anschwitzen. Das Hackfleisch zugeben und anbräunen. Auf höherer Flamme den Wein angießen und schnell verdampfen lassen.

Die durchpassierten Tomaten unterziehen und die Hitze reduzieren. Alles salzen und pfeffern und zugedeckt auf kleiner Flamme etwa 45 Minuten schwach kochen lassen. Falls nötig, ein paar El heiße Brühe angießen.

Den Boden einer ofenfesten Form mit etwas Fleischsauce bedecken und gleichmäßig mit Lasagneblättern auslegen. Dann etwas Fleischsauce und etwas Bechamelsauce draufstreichen. Mit etwas geriebenen Parmesan und etwas Petersilie bestreuen. Mit einer Schicht Lasagneblätter bedecken und Vorgang wiederholen, bis sie aufgebraucht sind. Über die letzte Schicht Lasagneblätter der Rest der Sauce verteilen und Streukäse drüber streuen.

Im vorgeheizten Ofen bei etwa 200 Grad eine gute halbe Stunde backen. Herausnehmen und sofort servieren.

Quelle: Boleys Hausrezepte

Rechnet man Zutaten, Zeit und Preis zusammen, dann kostet ein Stück erheblich mehr als zwei Euro. Ich wage aber die Behauptung, dass das Ergebnis jeden Cent wert ist (talentierten Koch vorausgesetzt).

Kommen wir wieder zurück zum Pferdefleisch, welches sich in die Fertig-Lasagne „verirrt“ hat. Ursache dafür ist eine Mischung aus Schlamperei, Profitgier, krimineller Energie und dem ständigen Ruf nach mehr und billigem Fleisch durch den Endverbraucher. Wir sind nicht nur maßlos geworden, sondern haben auch vergessen, was ein gutes Essen ausmacht. Uns reicht mittlerweile schon ein Foto von einer Almwiese, damit wir glauben, glückliche Kühe auf einer Wiese hätten ihre Milch bereitwillig für uns gegeben – statt irgendwelche armen Viecher in Massentierhaltung.

Auch wenn wir selber an unsere Einstellung zu Lebensmitteln arbeiten müssen, schließt das trotzdem nicht schärfere Gesetze aus. Wenn der EU-Verbraucherschutzkommissar Tonio Borg in Bezug auf die Pferdefleisch-Lasagne von sich gibt

Der Verbraucher hat ein gesundes Produkt, nur das falsche Tier.
Quelle: KSTA, Nr. 38, 2013 S.03

dann ist er eine Fehlbesetzung. Unverständlich ist auch das, was im Kölner Stadt-Anzeiger zu lesen war. Demnach gelten ab 2015 strengere Herkunftsrichtlinien.

…für jede Ware muss der Produktionsweg lückenlos zurückverfolgt werden können. Einzige Ausnahme: Lebensmittel.
Quelle: KSTA, Nr. 38, 2013 S.03

Für diese Ausnahme gibt es keine auch nur ansatzweise akzeptablen Grund. Hier wird Profit über die Gesundheit von Menschen gestellt.

Der Verbrauch ist mitunter allerdings mächtiger als er glaubt. Er muss nur lernen, seine Marktmacht zu bündeln, dann werden Politiker und Hersteller auf ihn reagieren müssen.Wer es aus eigener Bequemlichkeit unterlässt, hat ein Stück weit Pferdefleisch in der Lasagne verdient. Billige Lebensmittel haben eben eine Pferdefuß.

In den nächsten Tagen und Wochen gibt es trotz aller Meldungen keinen Grund, auf eine Lasagne zu verzichten. Man muss sie nur selber machen, zum Beispiel mit oben stehendem Rezept.

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