Fettnäpfchen Olympiade

Sofern man als Autor keine Komödie schreibt, sollte die Anzahl der Fettnäpfchen, in die der Protagonist tritt, überschaubar sein. Je häufiger der Figur „etwas unglaubliches“ passiert, desto unglaubwürdiger wirkt sie auf die Leser.

Die Zahl der Fettnäpfchen hängt dabei auch von der Textlänge ab. Insbesondere in Kurzgeschichten kann es schnell zu viel werden.

Der Held steigt morgens unter die Dusche. Nur kaltes Wasser. In der Küche fehlt der Kaffee. Als er sich auf dem Weg ins Büro machen will, streikt das Auto. Der Bus fährt im knapp vor der Nase weg. Dadurch verpasst er einen wichtigen Kunden Termin. Und so weiter.

Es lässt sich nicht bestreiten, dass solche Dinge gehäuft in der Form manchmal tatsächlich passieren. Aber so etwas will man dann nicht auch noch lesen. Mitleid ist im realen Leben wichtig. In der Literatur macht man aus der Figur schnell einen Jammerlappen, der vom Schicksal herumgeschubst wird.

Ein anderes Beispiel. Die Protagonistin erscheint falsch gekleidet im Büro. Sie hat ein Karnevalskostüme an, da sie sich im Datum vertan hat. Gegenüber einer Kollegin rutsch ihr etwas raus, da sie vergessen hat, dass deren Mann erst kürzlich verstarb. Sie legt sich auf dem Parkplatz beim Streit um den letzten Stellplatz mit einem Mann an, ohne zu wissen, dass es ihr neuer Vorgesetzter ist.

Die Kette lässt sich beliebig verlängern. Ein wenig erinnert es an „Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück“ von Helen Fielding (bevor jemand fragt, ja ich habe das Buch gelesen). Bei Bridget Jones gelingt es der Autorin gerade noch, die Anzahl der Fettnäpfchen zu begrenzen. Mir sind allerdings auch schon Texte untergekommen, wo dies nicht gelang. Die hatten dann genau das einleitend skizzierte Problem. Die Figuren wirkten nicht nur unglaubwürdig, sondern es schlich sich beim lesen auch der Wunsch ein, ein besonders schweres Schicksal würde sie endlich aus der Handlung für immer entfernen. Manche Protagonisten nerven. Autoren tuen sich und ihren Lesern mit diesen Figuren keinen Gefallen.

Steigern lässt sich das Ganze noch durch eine „plötzliche“ Wendung des Schicksals. Alles wendet sich zum Guten, am Ende steht die Figur sogar noch besser da als zuvor. Bei so was bekomme ich zumindest regelmäßig Krämpfe. Meiner Meinung nach muss sich ein Protagonist seine Belohnung erarbeiten. Ohne Anstrengung keinen Preis. Ihm nur etwas zuteil werden lassen, weil er furchtbar gelitten hat gehört er in das Fach religiöse Erbauungsliteratur.

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