Kontaktanzeigen für Autoren

Schreib dich nicht ab! Er, Schriftsteller mit gut erhaltenem Schutzumschlag sucht mehr als nur ein paar verlorenen Buchstaben.

Als Autor würde man vermutlich entweder eine originellere Anzeige verfassen oder gleich auf diese Art der peinlichen Selbstentblößung verzichten. Dabei geht es in diesem Artikel zwar um Kontaktanzeigen für Autoren, aber in einem etwas anderem Sinn. Vor ein paar Tagen ist mir beim lesen der StadtRevue deutlich geworden, wie gerne ich seit Jahren schon die Seiten in diesen Zeitschriften mit Grüßen und Kontaktanzeigen lese (unter anderem auch die teilweise sehr poetischen Kleinkunstwerke im coolibri oder Bielefelder StadtBlatt). Meine Begeisterung gilt den Texten als Ultra-Kurzerzählung.

Fahrradsturz Ich würde gern die freundliche Frau wiedersehen. die mir am 19.12. nach meinem Fahrradsturz so neu geholfen hat. Ich bin in der Nähe des Herkules-Hochhauses am Grüngürtel der Inneren Kanalstr. gestürzt. Leider war ich zu benommen, um mich für die nette und aufmunternde Hilfe richtig zu bedanken.
StadtRevue 2/2012

Die Szene sehe ich genau vor mir, lasse meine Phantasie schweife und habe damit schon eine Anregung für einen Kurzgeschichte oder ein Romankapitel. Wie sehen die beiden Figuren aus, um die es geht? Treffen sie sich wirklich wieder? Es ist auch spannend, sich zu überlegen, was vor dem Fahrradsturz passierte. Oder warum es überhaupt zum Sturz kam.

Solche Anzeigen sind eine ziemlich gute Inspirationsquelle. Als regelmäßiger Bahnfahrer gefällt mir besonders die nachfolgende Anzeige.

31.12. ICE Köln-Stuttgart. A Siegburg/BN saß ich dir gegenüber und habe alle Chancen verpasst. Du hast mir mit dem Backpack geholfen und musstest in Stuttgart zur Straßenbahn (etwa mittags). Magst du mich in Köln noch einmal treffen?
StadtRevue 2/2012

Ein Stück weit erinnert mich das an eine ehemalige Kommilitonin, die darauf hoffe, in einem verrauchten Zugabteil den Mann ihrer Träume zu finden. Sofern sie immer noch auf der Suche sein sollte, wird das mit den verrauchten Zugabteil hierzulande etwas schwieriger – es sei denn, man ist nach einem Fußballspiel zusammen mit einer Horde Fans unterwegs.

Zurück auf die eigentliche Idee. Für Autoren sind Kontakt- und Grußanzeigen ein gefundenes Fressen. Anders gesagt liegt die Inspiration sozusagen auf der Straße. Man muss nur zugreifen, das abschöpfen, was man vor sich sieht. Es wäre auch ein guter Tipp für Kapitel, in denen man unvermittelt nicht mehr weiter kommt. Einfach eine dieser Zeitschrift kaufen oder sich online inspirieren lassen (hätte ich das vorher gewusst, wäre mir das Abtippen der beiden Anzeigen erspart geblieben).

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