Alternativen zu Gauck

Bisher bin ich immer noch der Meinung, Gauck wäre der Richtige für das Amt des Bundespräsidenten. Er hat seine Ecken und Kanten und sicher gibt es nicht wenige Punkte, in denen ich nicht mit ihm übereinstimmen würde. Gerade wegen seiner Art, auch gegen den sogenannten Mainstream zu reden, halte ich ihn für geeignet. Gauck ist kein Populist, wie Robert Leicht in seinem Artikel bei Zeit Online schreibt

Das man das alles auch anderes sehen kann, ist nicht nur legitim, sondern wichtiger Bestandteil unserer Demokratie. An dieser Stelle kann jetzt kein „Trotzdem“ oder „Aber“ stehen, da es den Aussage des vorhergehenden Satzes relativieren würde. Daher versuche ich es an der Stelle anders. Es gibt Aussagen zum Thema Gauck, die ich persönlich so nicht stehen lassen kann. Dazu gehören vier Statements im Blog der Drachenfreundin, die sich explizit gegen Gauck ausspricht. Statt einen langen Kommentar dort im Blog zu hinterlassen, möchte ich mich an dieser Stelle etwas ausführlicher mit dem, was aus ihrer Sicht gegen Gauck spricht, auseinandersetzen.

Da heisst es direkt im ersten Punkt „Er ist mit 72 Jahren ziemlich alt“. Relativiert wird das nur zum Teil durch die Aussage, dass Gauck für die Vergangenheit und nicht für die Zukunft stehe. Stimmt das wirklich so, steht Gauck tatsächlich für die Vergangenheit? Wenn man solches behauptet, müsste man es auch belegen. Für mich steht Gauck vor allem für einen großen Erfahrungsschatz aus einem gelebten Leben. Insbesondere stoße ich mich aber gerade an der Formulierung, er sei zu alt. Genau das ist nämlich das Problem unserem Land. Der überzogene Jugendlichkeitswahn. Wer versucht, nach einer Kündigung mit über 40 noch einen Job zu bekommen, weiss, wo von ich rede. Wir diskutieren gerne über die Rente mit 67, übersehen dabei aber, dass man ab einem gewissen Alter keine Chance mehr bekommt. Zudem soll es auch Menschen geben, die in ihrem Beruf über das Rentenalter hinaus arbeiten wollen – und die auf Grund ihrer Erfahrung eine große Bereicherung darstellen. Zu behaupten, jemand wäre zu alt, finde ich persönlich daher etwas daneben. Abgesehen davon erinnere ich in diesem Zusammenhang gerne daran, dass Konrad Adenauer 73 Jahre alt war, als er zum ersten Mal Bundeskanzler wurde.

Unter Punkt zwei schreibt die Drachenfreundin: „Er ist Pfarrer.“ Das spräche aus ihrer Sicht auch gegen Gauck, weil sie keiner Glaubensgemeinschaft angehöre und sich daher von einem Theologen nicht vertreten fühlen würde. So what? Was soll denn der Bundespräsident dann am besten sein? Gleichzeitig Atheist, Jude, Moslem, Christ und weiss der Henker was noch? Ich übertreibe hier etwas, ich weiss. Nur weil sich jemand einer bestimmten Glaubensrichtung verbunden fühlt, heisst es doch nicht, dass er nicht in der Lage wäre, für alle Menschen in Deutschland zu sprechen. Aus meiner Sicht ist das ein ziemlich kleinliches Argument. Wäre Gauck Scientologe, sähe die Sache anders aus. So aber sehe ich darin kein Problem. Mir persönlich ist auch jemand, der ganz klar an etwas glaubt nicht unangenehm als Bundespräsident. Und Frau Merkel ist mir auch nicht deshalb unsympathisch, weil sie eine Pfarrerstochter ist. Es kommt darauf an, wofür ein Mensch steht. Provokativ gesagt müsste man dann auch das Grundgesetz ablehnen, da es auf christlichen Werte basiert. Aber das würde jetzt wirklich etwas zu weit gehen.

Gauck hat sich in der Vergangenheit zu vielen Themen geäußert, das ist richtig und gut so. Dabei ist es ganz natürlich, nicht immer mit ihm übereinstimmen zu können. Ich setze mal voraus, dass man sich, wenn man schreibt, Gauck wäre für den Krieg in Afghanistan, auch damit auseinander, was er genau gesagt hat. So lässt sich ohne Mühe folgendes Zitat finden:

Um es klar zu sagen, ich finde den Einsatz nicht gut, aber erträglich und gerechtfertigt.

Genau das würde ich für den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan auch sofort unterschreiben. Vor gut zwei Jahren war ich in Bielefeld auf einer Veranstaltung des Grüner Salons zum Thema Afghanistan. Es war interessant zu erleben, wie kontrovers das Thema auch bei den Grünen diskutiert wird. Für mich war es auch ein Augenöffner, den Standpunkt von Bente Scheller, Leiterin des Afghanistan Büros der Heinrich Böll Stiftung in Kabul und Winfried Nachtwei, MdB a.D., Menschenrechts- und Sicherheitsexperte kennen zu lernen. Beide haben sich in der Vergangenheit stark gemacht für den Verbleib der Bundeswehrsoldaten in Afghanistan. Es geht nicht um Kriegsführung, sondern um den Schutz der einheimischen Bevölkerung. Bewaffnete Truppen in einem fremden Land hinterlassen immer einen bitteren Beigeschmack. Aber es mehr als nur blauäugig zu glauben, man könnte die Problem durch zu- oder besser noch wegschauen lösen.

Was ich auch nicht nachvollziehen kann ist die Aussage unter Punkt 4: „Aufgrund der Ausgewogenheit hätte ich gerne einen Bundespräsidenten aus den alten Bundesländern.“ Etwa weil Angela Merkel Bundeskanzlerin ist? Generell, und mal wieder polemisch formuliert, sollte in Deutschland die Herkunft eines Menschen nicht entscheidend sein. Abgesehen davon soll der Bundespräsident diesmal mindestens eine volle Amtszeit halten. Und da die nächste Bundestagswahl 2013, sollte man dabei berücksichtigen, dass Frau Merkel dann nicht mehr Bundeskanzlerin ist. Sofern ich mich ziemlich täusche, wird der Nachfolger im Amt aus Westdeutschland stammen.

Ein Bundespräsident muss vor allem sein Land präsentieren. Das die Wahl bei nur einem Kandidaten eine Farce ist, dem stimme ich zu. Zusätzlich müsse man aber auch darüber nachdenken, ob es wirklich sinnvoll ist, den Bundespräsidenten durch die Bundesversammlung wählen zu lassen. Es wäre wünschenswert, wenn dieser von allen Bürgerinnen und Bürgern gewählt werden könnte.

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